Der 20. März 1995 war ein sonniger, kühler Montagmorgen. Im Tokioter Pendler-Verkehr war nicht ganz soviel los wie sonst, weil sich viele den Brückentag freigenommen hatten. Trotzdem war der Großteil der knapp 9 Millionen Passagiere, die täglich die U-Bahn zur Arbeit nehmen, unterwegs. In dem Getümmel stiegen auch fünf hochrangige Mitglieder der AUM-Sekte (Ōmu Shinrikyō) in unterschiedliche U-Bahnlinien Richtung Regierungsviertel. Alle exakt gleich weit entfernt von der Station Kasumigaseki.

Neben angespitzten Regenschirmen trugen sie in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel mit flüssigem Sarin – einem chemischen Kampfstoff, der zuletzt von den Truppen Saddam Husseins im Krieg gegen die Kurden eingesetzt wurde. Sarin ist ein tödliches Nervengift, das eigentlich zur Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft entwickelt wurde. Einmal freigesetzt, wird es über Hautkontakt oder die Atemwege aufgenommen. Symptome einer Vergiftung sind Husten, blutiger Schaum vorm Mund, Verlust der Sehkraft, Erbrechen, Muskelkrämpfe und Atemlähmung, die schließlich zum Tod führt.

Um Punkt acht Uhr ließen die Sektenmitglieder die Päckchen fallen, durchstachen deren Plastikhülle mit ihren Schirmspitzen, verließen unbehelligt die Bahnen und fuhren zu ihrem Treffpunkt, um sich gemeinsam die Nachrichten anzuschauen. Bis dahin war in der Tokioter Innenstadt das Chaos ausgebrochen.

Giftgas in der Tokioter U-Bahn

Die austretenden Dämpfe verbreiteten sich in den betroffenen U-Bahnen und damit in 15 U-Bahn-Stationen. Überall strömten die Menschen zu den Ausgängen oder brachen noch am Bahnsteigen zusammen. Bis zur Mittagszeit wussten Rettungssanitäter nicht einmal, gegen was sie eigentlich behandeln sollten. Glücklicherweise erkannte ein Militärarzt bei den Opfern die Symptome einer Saringas-Vergiftung.

Japan war damit das erste Land, dass durch einen terroristischen Akt mit einer Massenvernichtungswaffe angegriffen wurde. Verantwortlich waren religiöse Fanatiker der AUM-Sekte Asaharas. Glücklicherweise war die Qualität des selbst hergestellten Sarins nicht besonders gut, sonst wären die Auswirkungen noch katastrophaler gewesen. Aber auch so wurden 6.252 Menschen teilweise schwer verletzt. 13 Menschen starben an den Vergiftungen.

Asahara Shōkō gründet Ōmu Shinrikyō

Gründer von AUM ist der 1955 in Südkyushu geborene Matsumoto Chizuo.  Nachdem der fast blind geborene an der Aufnahmeprüfung einer Tokioter Uni scheiterte, umgab er sich mit Esoterikern, lernte Akupunktur und Meditation und begann Yoga zu lehren. Später behauptete er, auf seinen Reisen durch Ostasien und  Indien die Erleuchtung erlangt zu haben. 1987 änderte er seinen Namen in Asahara Shōkō und wandelte seine Yoga-Vereinskette in eine neue Religionsgemeinschaft um – die Ōmu Shinrikyō (Die höchste Wahrheit).

Das „Om“ steht für ein hinduistisches Mantra. Dass die Sekte bei uns als AUM bekannt wurde, ist ein Übersetzungsschnellschuss europäischer Journalisten.

Im Prinzip war es zu jener Zeit nichts besonderes, dass eine Esotherikergemeinschaft eine eigenen Sekte gründet. In Japan gab es seit den 70ern einen regelrechten Boom für Neugründungen von Alternativreligionen. Asaharas Lehre war ein wilder Religionsmix, enthielt Elemente aus dem Hinduismus, dem Mahayana-Buddhismus, Christentum und dem tibetischen Guruyoga, bei dem Schüler ihren Geist mit dem des Lehrmeisters verschmelzen lassen, damit dessen Erleuchtung auf sie übergehen kann. Versprochen wurde neben der Erlösung auch das Freisetzen übermenschlicher Kräfte.

Von der Yoga-Schule zum Terrorcamp

Asahara zeigte den Weg zur Reinigung der Seele von der Einflüssen einer materialistisch verseuchten Welt auf. Deren Untergang in Form eines Atomkrieges stand natürlich kurz bevor (1996 oder zwischen 1999 und 2003 errechnet) und nur die erleuchteten Mitglieder von Omu, sollten diese Apokalypse überleben. Daher konnten sich die Jünger auch von ihrem weltlichen Besitz trennen – ihr Vermögen überwiesen sie der Sekte und bezogen – teilweise mit ihren Familien – die Sektenquartiere. Dort begannen sie ihre Arbeit im Dienste Asaharas. 1995 umfasste AUM weltweit etwa 40.000 Mitglieder – 10.000 davon alleine in Japan.

Der Personenkult um den Erlöser forderte unerbittliche Gehorsamkeit bis zur Selbstaufgabe. Er bezeichnete sich als Wiedergeburt Jesu Christi und Shiva, der im hinduistischen Glauben der Schöpfer und Zerstörer der Welt ist. Erklärter Todfeind der Sekte waren die Vereinigten Staaten von Amerika, Juden und Freimaurer, die angeblich planten, die ganze Welt unter ihr kapitalistisches Joch zu ziehen. Die japanische Regierung und das Kaiserhaus seien bereits verblendet. Um diese Verschwörung aufzuhalten, kandidierte Asaharas Sekte 1989 für das japanische Parlament. Nach der Wahlschlappe beschlossen die engsten Kreise um den göttlichen Führer, nicht mehr auf den Tag des jüngsten Gerichtes zu warten.

Krieg gegen die Gesellschaft beginnt

AUM rekrutierte in den Folgejahren Wissenschaftler und Techniker aus Japan, Russland und anderen Ländern, in denen die Sekte inzwischen Zweigstellen eröffnet hatte. In Geheimlaboren wurden chemische und biologische Kampfstoffe hergestellt. Sogar zwei  Nuklearwissenschaftler aus Russland sollen zu dem Team gehört haben. In den abgeschlossenen Sekten-Camps wurden AUM-Jünger in verdeckter Kriegsführung unterwiesen. Stundenlanges Zuhören von Gehirnwäsche-Tapes, LSD-Cocktails und Elektroschocktherapie sollten die Gedanken mit denen des Erlösers gleichschalten. Wer aussteigen wollte, wurde unter Druck gesetzt: Einzelhaft, Verhöre, Folter, Vergewaltigung. Asahara duldete keine Wiederworte. Erst recht nicht von Außenstehenden.

Im April 1990 begannen gezielte Terrorakte gegen die japanische Bevölkerung – insgesamt neun Attentate bis zum Jahr 1995. Mit umgebauten Lieferwagen fuhren sie beispielsweise immer wieder um das Tokioter Parlamentsgebäude und den Kaiserpalast herum, versprühten dabei die Bio-Kampfstoffe Botulintoxin, Q-Fieber, Antrax und Cholera-Bazillen. Zum Glück blieb die erwünschte Wirkung aus. 1993 forderte Asahara dann die schnelle Beschaffung von Waffenmaterial. Seine Kontakte zum russischen Geheimdienst nutzte er, um massenhaft Sturmgewehre, Raketenwerfer und sogar einen Kampfhubschrauber zu ordern. Bezahlung war kein Problem, denn inzwischen hatte die Sekte durch den regen Mitgliederzulauf ein Vermögen in Milliardenhöhe angespart. In den abgeschlossenen Sekten-Camps wurden AUM-Jünger in verdeckter Kriegsführung unterwiesen.

Zwar wurden die Behörden wurden immer wieder vor der Sekte gewarnt. Doch die Beamten zögerten, gegen eine Religionsgemeinschaft vorzugehen. Seitdem im 2. Weltkrieg das japanischen Regime sämtliche vom faschistischen Kaiserkult abweichenden Religionen unterdrückt hatte, war nicht mehr gegen eine Sekte  ermittelt worden. Die meisten Beamten erklärten außerdem, sie hätten sich nicht vorstellen können, dass von einer religiösen Vereinigung eine Gefahr ausgehe.

Unterdessen gingen die AUM-Kommandos dazu über, erste öffentliche Kritiker einzuschüchtern. Bei dem Anschlag auf drei Richter in Matsumoto, die einen Zivilprozesse gegen AUM anstrebten, besprühten Sektenmitglieder den Wohnblock mit Sarin, wodurch sieben Personen starben und weitere 250 in das örtliche Krankenhaus eingeliefert wurden. Ein Anwalt, der eine Sammelklage von Familienmitgliedern einiger Sektenangehöriger vertrat, wurde samt seiner Frau und Kind in seinem Haus überfallen und ermordet. Auch der Anschlag 1995 auf die Tokioter U-Bahn sollte eine geplante Großrazzia auf die AUM-Basis vereiteln. Damit hatte die Sekte den Bogen überspannt.

Das Ende von AUM und der Beginn von Aleph

Japans Ermittler gingen endlich konsequent gegen die Sekte vor. Bei Durchsuchungen der AUM-Basis fanden sie einen Kampfhubschrauber und genug Sarin, um damit Tokio in einer tödlichen Wolke untergehen zu lassen. Die Konten der Sekte wurden eingefroren, Waffen beschlagnahmt, Wissenschaftler und mutmaßliche Drahtzieher der Attentate festgenommen. Nachdem auch gegen Asahara Haftbefehl erlassen wurde, explodierte im Büro des Bürgermeisters von Tokio eine Briefbombe. Einen weiteren Anschlag auf die U-Bahn – diesmal mit Zyclon B – konnte die Polizei gerade noch vereiteln. Es folgten weitere Razzien und zahlreiche Festnahmen.

189 AUM-Mitgliedern wurde in den darauffolgenden Jahren der Prozess gemacht. Asahara und zwölf weitere Terroristen wurden zum Tode am Strang verurteilt. Vollstreckt wurde bislang jedoch noch keines der Urteile. Das gleiche Schicksal erwartet auch den 2012 festgenommenen Takahashi Katsuya. Er galt wegen seiner Mittäterschaft bei den Saringas-Attentaten auf die U-Bahn und die Wohnanlage in Matsumoto seit 17 Jahren als meistgesuchter Mann Japans.
AUM wurde im Jahr 2000 in Aleph umbenannt und hat heute etwa 1.500 bis 2.000 Anhänger. Obwohl die Sekte sich offiziell von ihrem Gründer losgesagt hat, steht Aleph bis heute unter strenger Bewachung der Behörden. Laut Einschätzung von Experten halten sie weiterhin an der Lehre Asaharas fest.

Und der Terror geht weiter…

Hier gibt es noch zwei extrem coole Dokus zu AUM und Asaharas Terroranschlag auf die Tokioter U-Bahn: Einmal „Countdown des Schreckens“, eine 16teilige Serie über Attentate in der eine Episode sich um den Giftgasanschlag von AUM dreht. Außerdem lohnt sich ein Blick in „Aum Shinrikyo Cult-Sarin Gas Attacks (Aum Supreme Truth)“.

Als Lesetipp gibt es das Attentat von 1995 aus zahlreichen Perspektiven geschildert. Basierend auf Interviews mit Opfern, Tätern und Sektenaussteigern. Toll beschrieben in einer Reportage von Haruki Murakami.

Und eine fiktive Anlehnung an die Geschichte von AUM gibt’s in der Comic-Serie „20eth Century Boys“ von Urasawa Naoki – meiner Meinung nach so mit der beste Manga aller Zeiten.