J-Horror bis Rakugo: So spukt’s in Japan

J-Horror, Geisterzüge, liegen gelassene Regenschirme, die nach Rache sinnen, oder spukende Mädchen auf der Schultoilette: Gespenstergeschichten wie diese gibt es in Japan unzählige – kein Wunder, bei über 1.300 Jahren Erzähltradition. Hier gibt’s eine Auswahl der schaurigsten Geschichten, vom klassischen Spuk bis zu modernen Urban Legends.

Japan-Horror gruselt die ganze Welt

Mit ihrer Rachegeistgeschichte „Ringu“ haben Schreiber Kōji Suzuki und Regisseur Nakata Hideo 1998 Japans gewaltverwöhntes Kinopublikum das Gruseln gelehrt. Die Story ist schnell erzählt: Wer ein verfluchtes Videotape anschaut, erhält kurz darauf einen Anruf. Die Stimme am anderen Ende der Leitung verkündet, dass nun nur noch sieben Tage Zeit bleiben, das Geheimnis des Videos zu lösen. Wer das nicht schafft wird von einem Mädchengeist heimgesucht und stirbt. Nachdem Sohn und Frau eines Journalisten das Band versehentlich anschauen, beginnt für diesen ein Wettlauf mit der Zeit.

Ein toller Plot und wahnsinnig gut umgesetzt. Der Film brauchte kein großes Budget oder bahnbrechende Effekte, nur den subtilen Horror und die Tragik einer klassischen Geistergeschichte. Ringu (the ring) wurde ein Riesenerfolg und wie immer, wenn beim Film etwas gut funktioniert, gab es sofort eine Welle von Nachfolgefilmen und Plagiaten. So entstand das Genre des J-Horrors (Japan-Horror). Westliche Filmstudios adaptierten daraufhin erfolgreiche Filme, wie „the ring„, „dark water“ und „the grudge„. Alles Remakes übrigens, die ähnlich gut gelungen und sehenswert sind wie die japanischen Originale.

Kaidan: Japanische Schauermärchen

Die Story von ringu ist ohne Zweifel toll, für japanische Verhältnisse jedoch alles andere als ein Glückstreffer. Im Erfinden von Spukgeschichten sind die Japaner seit je her Meister. Genauer gesagt gibt es eine über 1.300 Jahre alte Horror-Tradition in Japans Literatur und Theaterstücken. Und durch die beiden vorherrschenden Religionen, Buddhismus und Shintoismus, ist der Geisterglaube in der japanische Kultur ohnehin festen verankert.

Beispielsweise sitzen Familien in unerträglich heißen Sommerabendstunden zusammen, um sich durch vorgetragene kaidan/kwaidan (Spukgeschichte) einen kühlenden Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen.  Zudem findet zwischen Juli und August das buddhistische Totenfest Obon in Japan statt, bei dem unzählige Laternen auf den Straßen den Ahnengeistern den Weg zu ihren hinterbliebenen Angehörigen leuchten. Dieses stimmungsvolle Umfeld ist natürlich Nährboden für immer neue Erzählungen um Dämonen und Monster (Yokai), Zaubertiere (Bakemono), Rachegeister und andere Spukgestalten.

Geisterbesuch nach 100 Spukgeschichten

Sammlungen solcher Geschichten werden in der Literatur Hyakku Monogatari genannt, was wörtlich übersetzt soviel wie „Hundert Geschichten“ bedeutet. Der Name geht auf eine Geisterbeschwörungspraxis zurück, bei der man sich in einem von einhundert Kerzen beleuchteten Raum zusammensetzt. Abwechselnd erzählen sich die Teilnehmer Gespenstergeschichten, an deren Schluss jeweils eine Kerze gelöscht wird. Mit dem Ende der letzten Erzählung erscheint den im Dunkeln kauernden Séance-Beiwohnern dann die erwünschte Geistergestalt .

Mönche mit Geistern im Gepäck

Einen anhaltenden Boom erlebten Geistergeschichten seit dem siebten Jahrhundert als auch buddhistische Lehren populär wurden. Die Mönche führten in Japan Ideen vom rastlosen Toten ein und boten gleichzeitig ihre Dienste als Vermittler zwischen Jenseits und Diesseits an. Basierend auf der Idee, dass starke Gefühle, wie Liebe und Hass, die Seelen Verstorbener an das Diesseits binden, entstanden zu dieser Zeit die ersten japanischen Erzählungen von Yūrei-Rachegeistern. Da Frauen im Konfuzianismus und Buddhismus schlecht weg kommen, wundert es nicht, dass diese Yūrei fast immer weiblich sind. Gekleidet sind sie in weiße Totengewänder, sie tragen ihr langes schwarzes Haar strähnig ins Gesicht hängend und ihre Hände baumeln wie ausgerenkt von ihren Handgelenken – aber nicht nur beim Aussehen der Hauptfigur haben sich die Macher von Ringu bedient.

Okiku und Sadako: Vom Rakugo zum J-Horror

Die Geschichte der Sadako in Ringu besteht im Prinzip aus den zentralen Elementen einer klassischen Rakugo-Erzählung, nämlich die der Dienerin Okiku in „Das Tellerhaus von Harima“.

Weil sie die Liebe des Schloßherrn von Himeji nicht erwidern will, inszeniert dieser einen Diebstahl, klagt das Mädchen an und richtete sie hin. Als Rachegeist spukt sie seitdem im Garten der Burg und steigt nachts aus dem Brunnen, in dem ihre Leiche entsorgt wurde.

Dabei zählt sie unentwegt die zehn Teller durch, von denen sie einen angeblich mitgehen ließ. Abenteuerlustige Besucher, die das Schloß nicht bis zur zehn verlassen haben, werden von der Okiku zu Tode erschreckt.

Ein Brunnen, ein ermordetes Mädchen, ein Todescountdown und ein Spuk der tödlich endet: Das hat vor 250 Jahren die Zuhörer des Ein-Mann-Rakugo-Theaterstücks gefangen und funktioniert auch heute noch bei einem internationalen Kinopublikum, wie der Erfolg von ringu gezeigt hat.

Geisterzüge bringen die Modernisierungsangst

An Märchen und Gruselgeschichten lässt sich das gesamte Spektrum zeitgenössischer Ängste einer Gesellschaft ablesen. In Japan kann man das besonders gut sehen. Als Anfang der Meiji-Zeit im Jahre 1868 die Industrialisierung auf dem Archipel begann, häuften sich bei Gleisbauern und Anwohnern Gerüchte um Sichtungen von Geisterzügen, die über die noch nicht ganz fertig gestellten Schienen durch die Nächte donnerten.

Oiwa: Spuk am Set

Eine populäre Vertreterin moderener Yūrei ist die Oiwa, die seit Jahrhunderten angeblich Bühnen und Filmsets heimsucht. Dort sabotiert sie die Vorstellungen und Proben, um die Aufführung ihrer tragischen Leidensgeschichte („Yotsuya Kaidan„) zu verhindern. Ähnlich wie bei der Unfallserie der „Poltergeist„-Filme, gibt es zu den mysteriösen Vorkommnissen bei Oiwa-Aufführungen immer die waghalsigsten Theorien.

Urban-Legends: Toilettenspuk und die schöne Fremde

Ein Yūrei-Mythos, der inzwischen schon Urban Legend-Charakter bekommen hat, ist die Geschichte der Toire no Hanako. An einigen Schulen geht das Gerücht um, dass im dritten Stock in der dritten Kabine der Mädchentoilette ein Geist umgeht. Die Kabine neben besagtem Toilettenséparéet wird gemieden. Ebenso traut sich keine Schülerin, an der meist verschlossenen dritten Tür zu klopfen. Denn wer den Zorn der Hanako heraufbeschwört wird an Örtchen und Stelle erwürgt. Eine deutlich grausamere Variante erzählt, dass Hanako um ein rotes Cape bittet. Wer ihr keines borgen will, dem reißt sie mit einem Ruck die Haut vom Rücken.

Die Legende ist etwa seit sechzig Jahren im Umlauf und ihre Entstehungsgeschichte variiert stark. In manchen Versionen ist die Hanako ein Mädchen, das im 2.Weltkrieg vor dem Bombardement Schutz in der Schultoilette suchte und dort verschüttet wurde. Auch die Variante vom sexuell missbrauchten und später ermordeten Schulmädchen ist weit verbreitet.

Die Kuchisake Onna wiederum ist ein Rachegeist, der die Jahrhunderte überdauert hat. Einst war sie eine Schönheit, die von ihrem eifersüchtigen Gatten entstellt wurde, indem er ihren Mund bis zu den Ohren hin aufschlitzte. In nebligen Nächten spricht sie vermummt Passanten auf dem Nachhauseweg an und fragt, ob diese sie attraktiv finden. Wer ihr ein Kompliment macht, dem zeigt sie ihr zerschnittenes Gesicht und wiederholt die Frage immer wieder, folgt ihrem Opfer bis vor die Haustür und schneidet ihm dort die Kehle durch.

Keine Heike-Krabben in den Topf

Natürlich können aber auch enttäuschte Männer aus Rachegelüsten zu Geistern werden. Im Jahr 1185 fand in Shimonoseki in Nordkyuushuu die „Seeschlacht von Dannoura“ statt. Hierbei vernichtete der Klan der Minamoto die Taira-Sippe.

In lauen Sommernächten berichten die Fischer der Region immer wieder von Signalfeuern und Schlachtlärm weit draußen auf dem Meer. Die Einwohner erzählen sich, dass Taira-Geister die Lebenden auf die offene See locken, dort die Schiffe kentern und die Insassen in die Tief hinabziehen.

Nutznießer dieser Mär sind die in Shimonoseki vorkommenden Heike-Krabben (Heike ist übrigens eine Lesevariante für Taira). Die Rückenpanzerstruktur der Heikegani erinnert an menschliche Gesichter. Deshalb gelten sie als als Manifestation der Heike-Geister. Aus Versehen gefangene Krabben landen niemals im Topf, sofort direkt wieder im Wasser. 

Tsukunogami: Spukender Nippes

Außerdem gibt’s japanischen Geisterspuk nicht menschlicher Form. Zum Beispiel erwachen ungenutzte oder vergessene Gegenstände zum Leben, um sich an ihren nachlässigen Besitzern zu rächen. Egal ob Regenschirme, Möbelstücke, Schiebetüren oder Musikinstrumente.

Im Volksmund heißt es, berührt man Teile seines Hab und Guts über 99 Jahre nicht, bringen sie sich als Tsukumogami-Spukgestalten wieder in Erinnerung. Wer also eine Weile in Japan verbringt, sollte sich davor hüten, den Frühjahrsputz zu verschleppen.

Seltsam, aber so steht es geschrieben!

Lost Places in Japan

Lost Places in Japan

Lost Places in Japan

Lost Places – Geisterstädte, verlassene Freizeitparks und Industriebrache – locken Urban-Explorer aus aller Welt in die Sperrgebiete Japans. Im Internet veröffentlichen sie Fotogalerien, Videos und Berichte ihrer Ausflüge.

Wie ein gewaltiger Wellenbrecher aus Beton ragt die Gunkanjima (Schlachtschiffinsel) unweit der Hafenstadt Nagasaki aus dem Meer. Die Minenkolonie Hashima war einst einer der dicht besiedeltsten Orte der Welt. Heute ist die Insel menschenleer. Meistens jedenfalls. Denn solche Lost places ziehen Japans Hobby-Ruinenforscher an. Haikyoing, nennen die Urban Explorer ihr nicht ganz ungefährliches Abenteuer, denn ein Besuch der maroden Gemäuer kann leicht auf dem örtlichen Polizeirevier oder im Krankenhaus enden. Vorausgesetzt natürlich, man hat überhaupt jemanden dabei, der einen dort hinbringen kann.

Insta-Goldgrube Haikyoing

Verlassene Dörfer, Freizeitparks und Industrieanlagen gibt es in Japan aber unzählige. Auf aktuellen Landkarten und bei Google-Maps haben sie längst aufgehört, zu existieren. Wer aber durch ein Loch im Zaun steigt, fühlt sich, als würde er durch den Bilderrahmen eines vergilbten Fotos in die Vergangenheit reisen, um dort ein Geheimnis aus alter Zeit zu lüften. Solche Entdeckungstouren werden dann im Netz mit reichlich Hintergrundinfos dokumentiert – und auch extrem gern geklickt.

Inzwischen bietet deshalb auch die japanische Tourismusindustrie Erlebnisreisen in die beliebtesten Geisterstädte an. Wer sich also bei seinem Japan-Besuch einen Blick auf verfallene Dörfer und Industrieruinen mit einem ordentlichen Schuss Silent-Hill-Romantik gönnen will, für den folgen hier einige Tipps, Blogs und Fotogalerien zur Tourplanung in Reisegruppen oder auf eigene Faust.

Battle Royal auf der Schlachtschiffinsel Hashima

Die Königin der Geisterstädte ist mit Abstand die verlassene Insel Hashima, wegen ihrer Sihouette auch Schlachtschiffinsel genannt. Das Endzeitszenario des Ruinenlabyrinths lockte schon Film- und Videospieleindustrie auf das Eiland. Takeshi Kitano drehte hier seinen Battle Royal und auch Skyfall-Bond-Bösewicht Raoul Silva nutze Hashima als Schlupfwinkel. Außerdem wurde die Stadtarchitektur für Leveldesigns des 3D-Shooters Killer Seven übernommen.

Seit 1916 beutete Mitsubishi die Kohlevorkommen Hashimas aus, errichtete dafür sogar eine komplette Arbeitersiedlung auf der Insel. Während des 2. Weltkriegs wurden die einheimischen Kumpel durch Zwangsarbeiter aus Korea und China ersetzt, die sich hier totschufteten. Mindestens 1.300 Leichen wurden damals einfach in der See versenkt oder in den Tunnelschächten tief unter dem Meeresspiegel verscharrt.

Nach dem Krieg wurde die Insel dann zum Vorzeigeobjekt der japanischen Modernisierung. Durch Aufschüttungen an den Küsten (Umetatechi) erreichte die Insel zuletzt eine Ausdehnung auf 6,3 Hektar. Kindergärten, Badeanstalten und andere Freizeitangebote entstanden auf den Dächern über den Betonschluchten und bis tief in den im Untergrund bildete sich eine städtische Infrastruktur – alles im Besitz von Mitsubishi. Anfang der Sechziger wurde eine Bevölkerungsdichte von 83.476,2 Einwohnern pro Quadratkilometer festgestellt – einer der höchsten jemals aufgezeichneten Werte.

Adventure Time gleich mitbuchen

1974 war plötzlich alles vorbei: Die Grube wurde von einem Tag auf den anderen geschlossen. Die Arbeiter mussten die Insel so überstürzt verlassen, dass heute noch komplett eingerichtete Wohnungen erhalten geblieben sind. Mitsubishi verbot das Betreten und  Gunkanjima wurde zur Geisterinsel. Außer einigen Schnappschussjägern und abenteuerlustigen Jugendlichen traute sich 35 Jahre lang fast niemand mehr, Hashima einem Besuch abzustatten. Inzwischen hat der Konzernriese die kleine Insel an die Stadt Nagasaki abgetreten. Von hier aus werden  Inselumrundungen mit dem Motorboot angeboten. Seit 2009 sind zudem Teile der Insel wieder begehbar.    

  • Hashima-Fotoserien – auch zum Leben auf der Insel vor 1974 – gibt’s von Saiga Yuji
  • Wahnsinns Bilder und einen tollen Bericht zum heimlichen Absteher nach Hashima gibt’s bei Gakuran.

Die Spooky-Pools von Osarizawa

Die verlassene Osarizawa-Kupfermine befindet sich in der Nähe der Stadt Kazuno in der japanischen Präfektur Akita. Für Touristen gibt’s hier ein Bergbaumuseum und die 800 Meter lange Geisterbahn „Mineland“ in der Touristen von Loren aus Aliens mit Laserkanonen abballern können.

Echte Haikyo-Fans sollten abseits der Tour über die Steinröhren den Berg in den interessanteren Bereich der Raffinerie hinaufsteigen. Dort gibt es leuchtendblaue Pools vor der einer Ruinenkulisse, die an einen Tempel erinnert. Früher wurde hier jährlich eine Millionen Tonnen Kupfer abgebaut, in den Pools raffiniert und auf eigens hierfür verlegten Eisenbahnschienen abtransportiert. Wie im Falle Hashimas wurde der Ort aufgegeben, als die Mine ausgebeutet war. Auf dem Gelände gibt es  etliche Verschläge, Leitungen, Röhren, Tunnel, Schlote und Mineneingänge zu entdecken. Über 800 Kilometer Schächte haben die Bergleute in 1.300 Jahren Kupferabbau mühsam in den Berg getrieben. In die Höhlenwände gehauene Kreuze zeugen davon, dass sich hier einst japanische Christen vor Verfolgung versteckten.

Detaillierte Karten der Tunnelsysteme existieren übrigens keine, also vorsichtig sein beim Erkunden: Ihr wisst, was mit Tom und Hucks Angstgegner Indianer-Joe passiert ist!    

Ashio: Durch Umweltverschmutzung zur Geisterstadt

Ashio oder Ashiodozan in der Präfektur Toshigi ist aus zwei Gründen ein super Haikyoing-Ziel: Das Betreten der kompletten Stadt, samt Kupferraffinerie und Bahnhof, ist auf eigene Verantwortung erlaubt. Außerdem ist dieser Ort wie kein anderer (mit Ausnahme natürlich der Gegend um Fukushima) von Tod und Unglück der vergangenen Jahre gezeichnet, denn Ashidozan wurde durch eine Umweltkatastrophe zur Geisterstadt.

1853 waren Kanonenboote der Amerikaner vor Japan aufgetaucht, um die Öffnung des Landes für den Welthandel zu erzwingen. Die Regierung in Tokyo fürchtete, Japan könne ebenso wie inzwischen ganz Ost- und Südostasien zumindest in Teilen kolonialisiert werden und peitschte mit Beginn der Meiji-Ära (1868 bis 1912) Industrialisierung und die aggressive Territorialerweiterung in den Nachbarstaaten voran. Der Schlüssel hierzu war der Handel mit Edelmetallen, vor allem Kupfer. Umweltschutz spielte zu dieser Zeit natürlich überhaupt keine Rolle. Umso mehr aber Orte mit reichen Vorkommen, wie Ashiodozan.

Da wächst kein Gras drüber

Beim Raffinieren von Kupfer entsteht nicht nur giftiger Rauch sondern auch Unmengen an schwefelsäurehaltigem Wasser. Schon in den 1880er und 90er Jahren richteten diese Nebenprodukte in Ashio irreparable Schäden an. Die Bäume sind bis heute entlaubt und abgestorben. Als es nach heftigen Regenfällen im Jahr 1896 außerdem zu Überschwemmungen kam, die die Ackerfläche in der gesamtem Umgebung mit giftigen Abwässern der Mine fluteten, wurde das Land für immer unbrauchbar.

Und in diesem Stil wurde hier bis vor Fünfzig Jahren noch geschürft und veredelt. Kein Wunder also, dass in diesem kontaminierten Landstrich mit der Aufgabe der Mine kein Mensch mehr wohnen blieb. Für Ruinenforscher lohnt sich der Besuch aber umso mehr.

Japans verlassene Freizeitparks

Nicht nur die verarbeitende Industrie hat in Japan bessere Tage gesehen. In den Wirtschaftsboomjahren entwickelten die Japaner ein ganz neues Freizeitgefühl.

Die Golden Weeks wurden nach dem 2. Weltkrieg zur Zeit des Wirtschaftsbooms eingeführt. Diese Urlaubswochen liegen in der beliebtesten Jahreszeit, mit zuverlässig gutem Wetter aber noch nicht zu hohen Temperaturen. In dieser Zeit wird die japanische Arbeiterschaft geschlossen in den Urlaub entlassen. Familien nutzen diese zu Kurztripps durch das eigene Land. Dadurch entstanden gerade an Orten, die Touristen sonst wenig zu bieten haben alle nur erdenkliche Arten von Themen- und Freizeitparks.

Jetzt ist Schluss mit lustig

Viele der Parks sind jedoch trotz anfänglich guter Besucherzahlen schnell pleite gegangen. Nicht zuletzt auch, weil die Japaner in den letzten 20 Jahren zwei heftige Wirtschaftskrisen zu verdauen hatten. In den meisten Fällen hat sich der Abtransport von Bauteilen, Fahrgestellen oder Automaten scheinbar nicht gelohnt.

Und da die Grundstücke meist weit außerhalb der Städte liegen, haben selbst Baulöwen kein Interesse daran, das sonst so kostbare Land anderweitig zu nutzen. Ob Dschungelpark, Wasserspass-Paradies, Russlanddorf oder ein Nachbau von Liliputh samt gigantischem Gulliver, alles steht heute leer und wartet nur darauf entdeckt zu werden. Zur Planung gibt es die wirklich umwerfenden Fotoserien aus den coolsten Batman-Schurken-Verstecken Japans von Michael John Grist.

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Die Japaner übernehmen nur zögerlich den US-Exportschlager Halloween. Brauchen sie auch nicht, denn irgendwo auf den Inseln wird das ganze Jahr den Dämonen gehuldigt oder mit den Geistern getanzt.

Freche Kinder und faule Schwiegertöchter aufgepasst! Am Neujahrsabend gibt es in der japanischen Kleinstadt Oga (Präfektur Akita) die Quittung für euren Ungehorsam. Dann nämlich ziehen gehörnte Dämonen, bekleidet mit Reisstrohumhängen von Haus zu Haus, lassen sich vom Hausherren mit viel Sake und Reiskuchen bewirten und jagen dafür dem Nachwuchs in Knecht Rupprecht-Manier einen ordentlichen Schrecken ein. Dabei haben sie es  auf besonders große Faulpelze abgesehen, die sich den ganzen Tag ihre Füße am Feuer wärmen, bis diese voller Brandblasen sind. Und diese essen die Namahage (Brandblasenhaut-Abzupfer) für ihr Leben gern.

Geisterfestivals zu jeder Jahreszeit

Das Fest ist nur eines von unzähligen japanischen Volksfesten (Matsuri) mit gruseligem Beigeschmack, denn Geister und Dämonen sind fester Bestandteil beider Hauptreligionen. Der Shintoismus, Japans ursprüngliche Religion, ist ein Sammmelsurium aus Lokalriten, bei denen die Ahnen, unzählige Gottheiten (Kami) und Naturphänomene verehrt werden. Der Buddhismus kam erst im siebten Jahrhundert über Korea nach Japan und erweiterte den Glauben sogar noch um Jenseitsvorstellungen, Höllen, Erlösung und Geschichten von rastlosen Toten.

Kein Wunder also, dass die Japaner nur zögerlich den US-Exportschlager Halloween übernehmen, denn irgendwo auf den Inseln gibt es immer gerade ein Festival,  bei dem es um die Abwehr von Unglück, die Beschwichtigung der Geister oder das Austreiben von Teufeln (Oni) geht.

Frühlingsfeste: Schlechte Zeiten für Dämonen

Die Oni, gehörnte Dämonen, mit Wuschelhaar, riesigen Augen und roter oder grüner Haut sind im Volksglauben die personifizierten Unglücksengel, die es bei zahlreichen Volksfesten stellvertretend zu maltretieren gilt. So zum Beispiel beim Frühlingsfest Setsubun, dass im ganzen Land vom 3. bis zum 4. Februar gefeiert wird. Um die Wintergeister zu vertreiben, jagen  die Kinder der Nachbarschaft  durch die Straßen und bewerfen Erwachsene in Oni-Kostümen mit gerösteten Soyabohnen (Mamemaki). In den Häusern übernimmt das Familienoberhaupt die Rolle des Kälte-Exorzisten und ruft dabei: „oni wa soto, fuka wa uchi“ („Hinfort mit den Dämonen und herein mit dem Glück“).

Eine schöne Variante ist das Oni Matsuri in Toyohashi. Dort gibt es  einen Showkampf  zwischen Dämonen, gefolgt von einem Süßigkeitenhagel und einer gewaltigen Mehlschlacht. Wer besonders viele Mehlwatschen abbekommt, kann sich auf ein Jahr voller Glück freuen.

Kirschblütenzauber und der Salamander-Song

Wenn die Dämonen nicht verjagt werden können, muss man sich zumindest gut mit ihnen stellen: Wie zum Beispiel beim Kirschblütenfest Hanami. Von März bis Mai zieht eine Welle der Verzauberung von Okinawa bis Hokkaido. Die wenigen Tage, die die Kirschbäume in voller Blütenpracht stehen, werden mit ordentlich Sake und Karaoke gefeiert. Dafür besetzen Firmenangestellte schon morgens riesige blaue Plastikplanen unter den schönsten Bäumen, damit nach Feierabend die ganze Abteilung zur Sause antreten kann. Früher haben die Bauern durch das Feiern den auf den Ästen hockenden Baumgeistern gehuldigt, um für ein erntereiches Jahr ohne Naturkatastrophen zu bitten – heute erhoffen sich die Feiernden vor allem gute Quartalsabschlüsse.

Ebenfalls um eine gute Ernte –  vor allem aber ums nackte Überleben – geht es beim Hanzaki Festival in den Okayama Bergen (im Südosten der japanischen Hauptinsel Honshu). Das Dorf in der Nähe des Yubara Onsen ist bekannt für seine Riesensalamander. Ein 10 Meter langes Exemplar davon soll im 17. Jahrhundert einmal Amok gelaufen sein und alles, was im in den Weg kam, aufgefressen haben. Ein Samurai ließ sich deshalb bei lebendigem Leib verschlingen und schnitt sich dann von innen mit einem rostigen Schwert den Weg frei.

Aber die Dörfler kamen nicht zur Ruhe. Nach einigen Naturkatastrophen und Missernten wurde ihnen klar, dass sie sich mit einem Kami (Naturgottheit) angelegt hatten. Als Wiedergutmachung feierten sie von da an jedes Jahr im August ein Fest zu Ehren der heimischen Amphibien, mit Umzugswagen, Salamandersüßigkeiten und einem speziellen Hanzakisong.

Hier gibt’s noch ne tolle Riesentiervariante, die nur alle zwölf Jahre – im Jahr der Schlange- abgehalten wird.

Schneemonster und Pappkameraden

Besonders schaurig-schöne Atmosphäre kommt auch bei einem der Schneefeste (Yukimatsuri) auf Japans Nordinsel Hokkaido auf.  Dort können Besucher in Februarnächten durch gigantische, gespenstisch ausgeleuchtete Fantasiewelten aus Eis spazieren. Anfangs waren es nur eine handvoll Studenten und Soldaten aus Sapporo, die sich einen Eisburgenbau-Wettkampf im Odori Park  lieferten. Heute kommen Lichtkünstler und Hobbybildhauer aus dem ganzen Land ins Winterwunderland, um mit Motorsägen und Schleifgeräten ein kurzlebiges, turmhohes Eiskunstwerk zu schaffen.

Sehr schön ist übrigens das Lichtpfad Festival in Otaru, bei dem die ganze Stadt im Schummerlicht unendlich vieler kleiner Laternen, die im Schnee am Wegesrand versenkt werden, erstrahlt.

Eine Kombination aus Laternenatmosphäre, Heldenpreisung, Geistervertreiben und Gigantomanie kann man vom 2. bis zum 7. August in Aomori erleben. Dort hatte vor hunderten von Jahren der General Saka­noue no Tamuramaro seine zahlenmäßig überlegenen Gegner mit Flöten, Trommeln, „Rasse-rah, rasse-rah„-Gesängen und riesengroßen mit bemalten Drachen-, Monster- und Kriegerlaternen ins Bockshorn gejagt. Beim Nebuta Matsuri wird diese Mimikri-Kriegsführung auf den Straßen nachgestellt. Die teils 8 Meter hohen und 15 Meter breiten kunterbunten Laternenkonstruktionen sind außerdem auf Flößen befestigt. Nach der Parade werden sie ins Wasser gelassen, um die bösen Wassergeister aufs Meer hinaus zu treiben.

Obon: Das japanische Totenfest

Der König der japanischen Gruselfeste ist das buddhistische Totenfest Obon bei dem die Seelen verstorbener Ahnen in die Welt der Lebenden zurückkehren. Von Juli bis August (je nach Region) werden an Flüssen, Wegen und Hauseingängen Fackeln und Laternen aufgestellt, um den Geister den Weg zu ihren Hinterbliebenden zu leiten. Dort wird üppig gespeist und danach mit den Geistern gemeinsam die ganze Nacht auf den Straßen durchgetanzt (Bonodori).

Besonders spektakulär feiern die Leute in Kyoto das Obon. Zum Abschied der Geister werden auf den fünf Bergen am Stadtrand gigantische Schriftzeichen (Daimonji) ins Unterholz gebrannt, die man sich dann tanzend von der Stadt aus anschauen kann.

Während dieser Spuksaison verfällt ganz Japan dem Geisterfieber. Alles ist mit Gruselgimmicks geschmückt, es gibt spezielle Süßigkeiten und Familien hocken gemeinsam in den schwülen Nächten beieinander, um traditionelle wie neu erfundene Gruselgeschichten mit unzähligen Dämonen (Yokai) zum Besten zu geben. Nur wer von Gänsehautstimmung wirklich nicht genug bekommen kann, nimmt als Halloween-Pionier einen Nachschlag und feiert noch einmal im November.

(Titelbild: Dadado no Onihashiri: Foto by A photographer – commons.wikimedia.org zu finden unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dadadō-no-Onihashiri_(Chichioni).jpg)

Mehr Spooky-Matsuri

Das hier darf auf keinen Fall in meiner Auflistung fehlen.

(Quickjump-Tipp 0:42 min.)

Japans Tiere auf Rückeroberungskurs

Japans Tiere auf Rückeroberungskurs

Seit die Industrialisierungswelle der Meiji-Restauration (1868) über Japan hinwegfegte, sind wirklich naturbelassene Fleckchen zu einer absoluten Rarität geworden. Schlecht für die üppige Fauna des Insellandes, deren Lebensraum dadurch immer weiter zusammenschrumpft. Mittlerweile haben sich einige Spezies  an die Veränderungen gewöhnt und damit begonnen, verlorenen Boden zurückzuerobern.

Krähen-Invasion in Japans Großstädten

Die bekanntesten tierischen Reconquistadoren Japans sind die Großstadtkrähen. Überquellende Abfalleimer und Berge von Hausmülltüten haben sie aus dem Dschungel in die Millionenmetropolen gelockt. Dort hausen sie seitdem in den Parkanlagen und machen keinerlei Anstalten, diese je wieder zu verlassen. Rabenvögel haben ohnehin den Ruf, besonders gelehrige Tiere zu sein. Doch die japanische Spezies setzt in puncto Intelligenz und Anpassungsfähigkeit eigene Maßstäbe.

Das liegt wohl vor allem am gestiegenen Höchstalter der Vögel. Das milde Stadtklima, ganzjähriger Nahrungsüberschuss und fehlende Feinde haben dafür gesorgt, dass die Krähen immer älter werden. Da sie in Klanen leben, geben sie ihre Lebenserfahrung an die jüngeren Generationen weiter. So hat sich unter den Vögeln beispielsweise rumgesprochen, dass Autos an  Ampeln halten müssen. Deshalb platzieren sie während der Rotphase gezielt Nüsse auf dem Zebrastreifen und warten bis Autos über die harte Schale hinwegsausen. Im Schutze der grünen Fußgängerampel picken die Vögel dann seelenruhig das erwünschte Innere auf.

Frühjahrsflegelmonate

So weit, so toll: Allerdings entwickelten sich die schlauen Vögel den letzten Jahrzehnten zu einem Problem für die Großstadtbewohner. In den Frühjahrsmonaten, der Brutzeit der Vögel, häuften sich Angriffe auf Katzen und Hunde, an deren Futterschalen sich auch die Krähen gerne bedienen. Ebenso gibt es Angriffe auf Parkbesucher, vornehmlich Kleinkinder mit Süßigkeiten. Aus den Freiluftgehegen des Tokioter Zoos sollen sogar Erdmännchen verschleppt worden sein.

Autobesitzer klagen außerdem über Lackschäden durch Nussbewurf und gestohlene Scheibenwischergummis, die die Schwarzgefiederten für den Bau ihrer Nester verwenden. Noch beliebter ist hierfür das  Isolationsmaterial der Internetleitungen, die wegen der häufigen Erdbeben in Japan alle oberirdisch verlegt werden. Im Jahr 2006 kam es  in über 7.000 Fällen zum Zusammenbruch der Internet-Anschlüsse in Haushalten und Büroräumen, weil Raben die Leitungen zerstört hatten.

Schlaue Krähen mit Cold War-Tricks

In Kagoshima versuchte deshalb das Team der Kyushu Electric’s Facilities Safety Group die Vogelnester zu entfernen, um den Nachwuchs und damit das Problem einzudämmen. Doch die Krähen begannen einfach mehrere Nester parallel zu bewohnen – ein auffälliges, dass die Beamten entfernen konnten, und einen gut versteckten zweiten Horst zur Aufzucht der Jungen. Den selben Trick hat der wirklich relevante russische Geheimdienst GRU angewandt, um jahrzehntelang im Hintergrund des KGB die Fäden zu ziehen.

In Tokyo gründete der langjährige Gouverneur der Präfektur, Ishihara Shinobu, 2001 das Crow Management Project Team und erklärte den Vögeln den Krieg. Ein Netzwerk aus Fallen wurde gelegt, aber für jeden gefangenen Vogel rückte mindestens einer aus den Wäldern nach. Das Problem dabei ist, dass die Population der Tiere solange ansteigt, bis  nicht mehr genug zu fressen für alle da ist.  Deshalb wurde die Bevölkerung aufgerufen, die Fütterung der Vögel einzustellen und ihren Müll in gelben Tüten (Krähen können die Farbe gelb nicht sehen) unter speziellen Netzen zu fixieren. Trotzdem durchstießen die Vögel mit ihren Schnäbeln stichprobenartig die Tüten und zogen die Essensreste durch die  Maschen heraus. Bislang scheint gegen die Vögel kein Kraut gewachsen zu sein. Zum Glück aber haben die japanischen Behörden erkannt, dass die Menschen Verursacher des Problems sind und tüfteln an alternativen Methoden der Abfallsentsorgung statt die Tiere mit Giftködern zu bekämpfen.

Aber nicht nur Krähen lockt das Müllbuffet in menschliche Siedlungen: Immer wieder brechen Wildschweine, Tanukis, Füchse, Makakenaffen oder Schwarzbären in Häuser ein, fressen sich den Bauch voll und legen im kühlen Hausflur ein Nickerchen ein. Was in Nachrichtenmagazinen recht drollig wirkt, endet für die gefährlichen Waldbewohner jedoch oft tragisch. In Japan kahm es in den vergangenen zehn Jahren zu über 1.600 Einsätzen, bei denen Kragenbären gefangen und in die Berge zurückgebracht werden mussten. In vielen Fällen wurden die Tiere aus Sicherheitsgründen erschossen.

Nara: Mit Shika-Hirschen im Späti

Es gibt aber auch eine Menge solcher Mensch-Tier-Geschichten, die mit einem handfesten Win-Win-Pakt enden. Wie zum Beispiel in Nara, der einstigen Hauptstadt des Landes. Dort sind etwa 1.200 Shika-Hirsche auf den Straßen rund um die Parkanlagen des Kasuga-Schrein unterwegs. Seitdem die Tiere hier auftauchten, besucheten immer mehr Touristen die Kleinstadt. Die meisten kommen vor allem, um die zutraulichen Hirsche zu füttern, zu streicheln und mit ihnen auf Erinnerungsfotos zu posieren.

Längst sind sie dadurch zum Wahrzeichen der Stadt aufgestiegen und finden sich nicht nur auf Straßenschildern, Stadtplänen oder Werbeplakaten, sondern auch für jeden „greifbar“ auf Grünflächen, den Straßen und manchmal sogar in den Kiosken. Seit man dort für 150 Yen eine Tüte Senbei (Hirschkekse) kaufen kann, stürmen immer wieder ganze Rotten in die Spätis. Die Angst vor den Menschen ist vollkommen wegkonditioniert. Tüten tragen, Geldzählen, Zeitung lesen oder den Stadtplan checken ist im Bereich der begrünten Touristen-Anzugspunkte inzwischen unmöglich geworden. Sobald es raschelt stürmen die Shika vor. Der skurrilen Situation sollte man mit Humor begegnen und sich einfach die paar Benimmregel für den Umgang mit den hungrigen Tiere zu Herzen nehmen. Letztlich fordern die Shika auch nur den menschlichen Teil der Abmachung ein: Futter für Fotos.

Tashirojima: Seit über 400 Jahren ein Katzenparadies

Ein bisschen weniger stressig ist da wohl der Besuch der Katzeninsel Tashirojima. Die liegt etwa 15 Kilometer vor dem Hafenstädchen Ishinomaki in der Präfektur Miyagi und hat nicht mehr als 100 Einwohner. Jüngstes Gemeindemitglied ist ein Mann in den frühen Vierzigern, die meisten sind schon weit über 60 Jahre alt. Keine Nachwuchsprobleme hingegen haben die Katzenhorden, die die Insel zum Publikumsmagneten für Touristengruppen gemacht haben.

Fast täglich setzen vor allem Familien mit der Fähre „Mermaid“ über, um dann durch ein Meer von Mietzen zu waten. Die Japaner sind der Auffassung, dass Streuner füttern Glück, Wohlstand und Gesundheit bringt. Daher sind die Katzen Tashirojima gut genährt – so gut, dass sie es nicht nötig haben zu betteln oder sich zu bekämpfen. Nur wenn die Fischer in den Hafen zurückkehren, wartet die ganze Bande ungeduldig auf der Kaimauer.

Schon seit der Edo-Zeit (1603-1868) machen Katzen den Großteil der Inselbevölkerung aus. Damals wurden auf Tashirojima Seidenraupen für die Kimonoherstellung gezüchtet. Die Tiere hatten die Aufgabe, Engerlinge vor räuberischen Ratten zu beschützen. Als später der Standort aufgegeben wurde, blieben sie allein mit einer handvoll Fischer auf der Insel zurück. Der Legende nach soll einmal ein Fischer aus Ungeschicklichkeit eine Katze getötet haben. Aus Mitleid errichtete er auf der Insel einen Gedenkschrein, der sich inzwischen zur Pilgerstätte für Katzenleibhaber entwickelt hat.

Neben dem Schrein gibt es auf Tashirojima sage und schreibe 51 Steinmonumente in Katzenform zu entdecken. Wer sich nicht von den rührigen Dachhasen trennen kann, übernachtet einfach in einem der Hotels, die der Manga-Künstler Tetsuya Chiba in den 80ern entworfen wurden. Für Hunde ist das Betreten der Insel übrigens strengstens verboten.

Kuschel-Tsunami auf Ōkunoshima

Ein ähnliches Erlebnis, aber mit Löffelohren und einer unglaublich rührenden Entstehungs-geschichte gibt es in Okunoshima. Auf der kleinen Insel in der Seto-Inlandsee, etwa drei Kilometer vom Festland entfernt, leben auf kleinstem Raum etwa 300 Kaninchen. Besonders toll daran: Die Langohren sind die Urenkel entkommenener Versuchstiere, denn die Insel war im 2. Weltkrieg Standort einer streng  geheimen Chemiewaffenfabrik. Seit 1938 wurde Okunoshima militärisches Sperrgebiet, damit in der alten Fischkonservenfabriken Senfgas hergestellt werden konnte. Weil von Ratten eine erhöhte Seuchengefahr ausgeht, wurden Hasen als Versuchsobjekte benutzt.

Kurz vor der Kapitulation Japans zogen sich die Militärs Hals über Kopf zurück und sprengten die Produktionsanlagen. Den Betreuern der Versuchtiere trugen sie auf, alle übrig gebliebenen Hasen umzubringen, was diese aber zum Glück nicht taten. Seitdem sind die Langohren die heimlichen Herrscher der Insel. Für einen Besuch im Giftgasmuseum wird wohl kaum jemand extra nach Okunoshima kommen. Dafür aber, um mit hunderten von Hasen um die Wette zu rennen.

Jigokudani: Mit Schneeaffen im göttlichen Badezuber

Jigokudani, das Höllental in den Bergen Naganos, ist ein beliebtes Reiseziel für Kur-Urlauber, die sich in den heissen Quellen (Onzen) unter freiem Himmel entspannen wollen. Solche sind der Legende nach ein Geschenk der Götter an die Bewohner Japans und zur Entspannung oder Krankheitslinderung gedacht. Die Bergmakaken des Höllentals haben Kurgästen bei ihren Baderitualen zugeschaut und die Vorteile dieser niemals versiegenden Wärmequelle für sich entdeckt.

In den Wintermonaten, wenn die Nahrung der Affen knapper wird und unter zentimeterhohen Schneemassen begraben liegt, müssen die Tiere ihren Energieverbrauch möglichst niedrig halten. Das erreichen sie durch ausgiebige Badeorgien. Abwechselnd besetzen die verschiedenen Makakenklane jene göttlichen Geschenke. Der Kurort Jigokudani ist dadurch um eine Attraktion reicher geworden. Ins Höllental kommen dadurch heutzutage mehr Badegäste denn je. Für die Affen haben die Betreiber der Bäder inzwischen allerdings eigene Becken angelegt – damit sich die Menschen und ihre nächsten Verwandten im Tierreich nicht zu nahe kommen müssen.

Mehr zum Thema

  • Bei „amusing planet“ gibt’s noch ein paar tolle Bilder von der Katzeninsel Tashirojima.
  • tofugu“ hat hierzu noch einige Reiseberichte, mit Videos auf seiner Seite.

Bildquellen:

Titelbild: Makaken von Jigokudani: Foto by yosemite – commons.wikimedia.org zu finden unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jigokudani_hotspring_in_Nagano_Japan_001.jpg

Wo bleibt die japanische Energiewende?

Wo bleibt die japanische Energiewende?

Wo bleibt die japanische Energiewende?

Kein Volk der Welt hat die Gefahren der Atomspaltung so drastisch am eigenen Leib erfahren wie die Japaner. Nach den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki setzte das Land jedoch trotzdem auf Kernenergie, um damit den Motor des Wirtschaftsbooms anzuwerfen. Seit 1978 gab es elf bekannte Unfälle in den Kraftwerken. Erst mit dem Super-Gau von Fukushima forderte endlich eine breite Masse der Bevölkerung die japanische Energiewende. Aber sie wird nicht kommen. Vorerst.

Der Pazifische Krieg: Japan auf Selbstmordkurs

Japans Atomgeschichte begann im August 1945. Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki wurde der ganzen Welt verkündet, dass eine neue Waffe zum Einsatz gekommen sei, um den Krieg endlich zu beenden.

US-Präsident Truman betonte stets, dass dies mindestens 500.000 Amerikanern das Leben gerettet habe. Die Opfer spielten in der internationalen Presse keine Rolle, nur die Sprengkraft der Superbombe. Nach der Kapitulation Japans und der Besatzung zensierten die Amerikaner dann systematisch alle schmutzigen Fakten ihres „Feldzugs gegen das Böse“.

„Fotografisches Material aus Hiroshima und Nagasaki konnte bis zum Ende der Besetzungszeit, 1952, nirgends gezeigt werden. General Mac Arthur regierte mit diktatorischer Gewalt, überzeugt von seiner Mission, die Japaner durch Umerziehung zu einem der USA wohlgesinnten Volk zu machen. Alles was dem Ziel entgegenstand wurde unterdrückt. Und dazu gehörten insbesondere Informationen über die atomare Zerstörung in den letzten Kriegstagen.“ 

(Florian Coulmas in „Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte“)

Das Manhattan-Projekt und seine Versuchskaninchen

Dabei war Japan bereits vor den Abwürfen der Atombomben faktisch besiegt. Das Rohstoffembargo der USA hatte die Kriegsmaschinerie Schritt für Schritt trockengelegt. Nach der Einnahme Okinawas war die japanische Luftwaffe endgültig ausgeschaltet. Danach begannen die USA und England mit dem Bombardement der Hauptinsel. Im August 1945 waren zwei Drittel der japanischen Großstädte zu 60 Prozent zerstört. Trotzdem wollte Japans fanatische Militärführung die Potsdamer Erklärung und damit die bedingungslosen Kapitulation nicht unterzeichnen. Den USA und Großbritannien lief die Zeit davon, denn am 8. August wollten die Russen in den Krieg mit einsteigen – und die wollte niemand als Siegermacht am Verhandlungstisch haben. US-Präsident Truman plädierte daher den Einsatz von Kernwaffen.

Seit 1942 hatten US-Wissenschaftler am Manhattan-Projekt gearbeitet und lieferten sich einen Wettlauf mit Nazi-Deutschland, das ebenfalls an einer neuartigen Superbombe forschte. Doch als die USA die Zielgerade ihrer Forschung erreichten, war der Krieg in Europa bereits vorbei. Zwei Milliarden Dollar an Steuergeldern (nach heutigen Maßstäben etwa 26 Milliarden Dollar) waren für das Rüstungsprojekt ausgegeben worden. Deshalb sollte die Bombe jetzt in Japan zum Einsatz kommen. Gleichzeitig konnte dadurch dem Rivalen Russland die neue Überlegenheit demonstriert und Japan der Angriff auf Pearl Harbor heimgezahlt werden.

Am 6. August starben in Hiroshima deshalb zwischen 90.000 und 180.000 Menschen – größtenteils Zivilisten, davon allein zehn Prozent Zwangsarbeiter aus Korea. Drei Tage später erwischte es Nagasaki, wo zwischen 50.000 und 100.000 Menschen getötet wurden. Auf den einen grellen Lichtblitz folgte die Druckwelle, in der die Menschen buchstäbliche schmolzen und die Gebäude weggefegt wurden. Wer überlebte, erlag seinen Verbrennungen oder den Strahlenkrankheiten, die damals natürlich weder bekannt noch behandelbar waren.

Niemand spricht über die Hibakusha

Die Atombombenopfer und ihre Nachkommen, die sogenannten Hibakusha, blieben lange Zeit alleine mit ihren Erlebnissen und Leiden. In der Masse der Gräueltaten des 2. Weltkrieges ging „der nukleare Holocaust“ von Hiroshima und Nagasaki unter. Und nach der jahrelangen US-amerikanischen Nachrichtensperre tat auch die japanische Regierung kaum etwas, um nachträglich für Aufklärung zu sorgen. Ganze zwölf Jahre vergingen, bis erste Versorgungsregelungen für die Hibakusha durchgesetzt wurden. 1968 erhielten die Menschen, denen der Krieg alles genommen hatte, erstmals unentgeltliche ärztliche Betreuung.

Viel schlimmer ist allerdings, dass Hibakusha vom Rest der Bevölkerung sozial diskriminiert wurden. Viele Japaner vermieden Kontakt und Austausch mit den wandelnden Mahnmalen ihrer gemeinsamen faschistischen Vergangenheit. Auch ging das Gerücht um, die Strahlenkrankheiten seien ansteckend. Erst mit der Zeit sorgten Bücher, Erlebnisberichte und Filme, die die Atombombenopfer in den Mittelpunkt stellten, für eine Verbesserung der Situation der Hibakusha.

Japans später Protest

Am Beispiel der Hibakusha sieht man, dass die Japaner das Trauma der Atombombenabwürfe lange Zeit überhaupt nicht aufarbeiteten. In den 50er Jahren führte das US-Militär vom besetzten Japan aus eine Serie von Atombombentests in der Südsee durch. Eines Tages geriet der Tunfisch-Trawler „Lucky Dragon V“ in der Nähe des Bikini-Atolls in die Testzone. Die Besatzung wurde verstrahlt und ihr Funker erlag nach der Heimkehr seinen Vergiftungen. Auf dem Sterbebett äußerte der Kapitän später den Wunsch, er wolle der letzte Japaner sein, der an den Folgen von radioaktiver Strahlung sterben müsse.

Dieser Vorfall sorgte für einen Aufschrei der japanischen Bevölkerung und führte zur längst fälligen Debatte die nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki durch die US-Besatzer systematisch unterdrückt worden war. Die Japaner äußerten erstmals offen die Befürchtung, als Versuchskaninchen missbraucht zu werden und forderten ein Ende der Tests.

Godzilla vs Atomkraft

Die  Auseinandersetzung mit dem Thema fand in den Godzilla-Filmen ihr wohl populärstes Ventil. Darin zerstörte eine durch Atomversuche erweckte Riesenechse Japans Großstädte und zahlte ihnen so die umweltzerstörerische Ignoranz heim. Trotz Bürgerbewegungen gegen die Strahlungsgefahren gelang es der Regierung in den Folgejahren, den Großteil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Japans von Energieimporten abhängige Wirtschaft ohne Atomstrom nicht den erwünschten Aufschwung erleben werde. Seit 1966 gingen dann nach und nach 54 Atomreaktoren ans Netz. Aber selbst für ein so hochtechnisiertes Land wie Japan war es nicht möglich, die Risiken der Kernenergie vollständig auszuräumen.

Mit Atomstrom zum Wirtschaftswunder

Die geschickte Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Regierung ist einer der Hauptgründe dafür, warum die Japaner den Nutzen der Atomenergie von den Folgen der Atombomben entkoppelt bewerteten. Japan wollte nach dem Wiederaufbau um jeden Preis wieder schnell zum Industrieland werden. Da das Inselland jedoch kaum über eigene Rohstoffe verfügt, wurde die Atomenergie als alternativlose Energiequelle verkauft.

1966 ging das erste Kernkraftwerk ans Netz. Parallel zu den Kooperationen mit US-amerikanischen und britischen Unternehmen in dem Bereich baute Japan eine eigenständige Atomindustrie auf. AKWs wurden fern der Ballungsräume errichtet. Das brachte den Kommunen Infrastruktur, Arbeitsplätze, Steuergelder und Subventionen. Vom Staat großzügig gefördert stiegen Japans Megakonzerne wie Toshiba, Hitachi und Mitsubishi mit in das Geschäft ein. Zudem bildete sich ein Zulieferernetzwerk quer durch die japanische Unternehmenslandschaft. Diese Lobby bestimmt bis heute die Richtungs japanischer Energiepolitik.

Für Politik und Wirtschaft kamen die beiden Ölkrisen (1973 und 1979) und die Debatte um die Klima-Erwärmung gerade recht, um Japans Atomkurs konsequent voranzupeitschen. Auch wurde stets betont, die Atomenergie sei vergleichbar günstig – dabei sind in der Kalkulation weder das hanebüchene Subventionsvolumen (alleine vier Milliarden Euro jährlich an Forschungszuschüssen) noch die Müllentsorgung oder Unfall-Folgeschäden beachtet. Politiker reagierten auf „kleinere“ Unfälle oder Warnungen von Wissenschaftlern lediglich mit der Ankündigung, die Sicherheitskontrollen in den Kraftwerken zu erhöhen. Diese Politik stellte auch in der Bevölkerung kaum jemand infrage.

Fukushima und die Neue Anti-Atombewegung

2011 wurden 30 Prozent des japanischen Energiemixes durch Kernreaktoren produziert. Diesen Anteil wollte Japan bis 2030 auf 49 Prozent erhöhen. Obwohl das Land weltweit Technik für Neue Energien exportiert – das Know How also vorhanden ist – sollten jene Energiequellen weiter nur unbedeutenden zwei Prozent ausmachen.

Die Katastrophe von Fukushima hat diese Zielvorstellung durcheinandergebracht – die Forderung nach dem Atomausstieg und einer Energewende wurde immer lauter. Wichtigster Akteur wurde hierbei die Bevölkerung, die sich von Energiebranche und Regierung hinters Licht geführt fühlte. Zu dieser Zeit sprachen sich drei Viertel der Japaner für einen Atomausstieg aus.

Als Premierminister Naoto Kan im August 2011 Jahres zurücktrat, verlor die Energiewende ihren einflussreichsten Fürsprecher. Der im folgende Regierungschef Noda Yoshihiko teilte die in der Politik weit verbreitete Meinung, dass ein rascher Atomausstieg in Japan unmöglich sei. Er argumenierte mit der Versorgungssicherheit für die Industrie und der Bezahlbarkeit von Energie (Klingt bekannt, oder?). Das paradoxe an der Argumentation ist jedoch, dass der Versorgungsengpass, der nach dem Ausschalten aller Kernreaktoren im Land befürchtet wurde, durch reaktivierte Thermalkraftwerke kaum spürbar gewesen ist.

Mit Nodas Ankündigung, die ersten stillgelegten Reaktoren wieder ans Netz zu bringen, erreichten die Proteste der Anti-Atombewegung ein nie da gewesenes Ausmaß. Zur ersten Freitags-Demo am 29. März 2012 kamen nur 300 Aktivisten – Ende Juli umstellten bereits 200.000 Protestler das Parlamentsgebäude in Tokio. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters sprachen sich außerdem fast drei Viertel der japanischen Firmen für einen Atomausstieg, solange es genügend alternative Stromquellen gibt. Auch die Aktionäre setzten die Atomindustrie unter Druck. Bei Hauptversammlungen mehrerer Versorgungsvetriebe drohten sie mit Rückzug und forderten von Energieriesen wie Tepco, sich künftig auf andere Energiequellen zu konzentrieren. Der reichste Mann Japans, Masayoshi Son, plant zudem den Bau von zehn Solarparks, um die Energiewende im eigenen Land voranzutreiben.

Abe -Kadabra und weg ist die Enegiewende

Japan, das Land, das alle Worst Case-Szenarien der Kernspaltungsgefahr durchgemacht hat, schien endlich mit dem Atomstrom zu brechen. Bei den Parlamentswahlen 2013 trat sogar erstmals eine Grüne Partei an. Doch leider kam mit Shinzo Abe ein weiterer konservativer Hardliner in Japan an die Macht. Im Dezember veröffentlichte sein Industrieminister Toshimitsu Motegi den langfristigen Energieplan des Landes, nach dem Japan vorerst an der Kernenergie festhalten wird.

Damit sind die Hoffnungen auf eine schnelle Energiewende erst einmal auf Eis gelegt – und die japanische Geschichte der Nuklearkatastrophen wird noch einige Kapitel umfassen: Bis heute ist die Gegend um Fukushima Sperrgebiet. Tepco hat die Pannenmeiler immer noch nicht in den Griff bekommen und vergiftet täglich das Meer mit kontaminiertem Wasser. Die radioaktive Strahlung hat erste Mutationen der Fauna und Krebserkrankungen der Bevölkerung Fukushimas zu verantworten.

Bildquelle: Titelbild „大飯原発再稼働反対デモat首相官邸前 Anti-nuclear demonstration in front of Japanese PM residence“ by Matthias Lambrecht, https://www.flickr.com/photos/sandocap/ *Thanks for offering to share your great work in the context of my non-commercial japan fanpage.

Mehr zum Thema

  • Tolle Bücher zum Hintergrund der Atombombenabwürfe sind Florian Coulmas „Hiroshima“ und der autobiographische Manga eines Jungen, der die Atombombe überlebte „Barfuss durch Hiroshima“. Gibt es auch als Fernsehserie und Trickfilm.
  • Toll recherchiertes Buch zum Reaktorunfall und seinen Folgen: „Fukushima: Vom Erdbeben zur Atomaren Katastrophe“ von Florian Coulmas und Judith Stalpers.
  • Hier ein Video, das in 11 Minuten das Ausmaß der Katastrophe zusammenfassst.
  • Masuji Ibuses „Schwarzer Regen“ ist Hibakusha-Literatur, die internationale Erfolge feierte. Auch Kurosawa Akiras Film „Rapsody im August“ behandelt das Thema. Eine weitere schön-traurig-wahre Geschichte ist die des Mädchens Sadako aus Hiroshima, die als Folge der Verstrahlung an Krebs erkrankte. Im Krankenhausbett versuchte sie tausend Origami-Kraniche als Glücksbringer für ein langes Leben zu falten. Die Papierkraniche sind seither Symbol der weltweiten Anti-Kernwaffen-Bewegung.
Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Die Yakuza sind Japans ultraharte Verbrechersyndikate, die hier wohl jeder aus Filmen wie Black Rain, Crying Freeman oder den Gangsterepen von Takeshi Kitano kennt. Wegen ihrer komplexen Bandenstruktur werden die Yakuza auch als japanische Mafia bezeichnet. Den Vergleich mögen sie aber nicht, weil sie sich nicht als Belastung für die Gesellschaft verstehen – mehr als diejenigen, die dort für Recht und Ordnung sorgen, wo die Polizei keinen Einfluß hat. Schutzgeld müssen sie als kleine Aufwandsentschädigung eintreiben. Klingt zynisch, ist sogar dreist. Trotzdem hat diese paradoxe Image-Kampagne jahrzehntelang ihre Wirkung nicht verfehlt.

Japans ultrabrutale Gangster

Die Yakuza wurden früher respektiert, galten als diejenigen, die auf den Straßen für Ruhe sorgten, Kleinkriminelle, Unruhestifter und ausländische Syndikate unterdrückten. Nach dem Krieg waren sie es, die Arbeitswütige mit Wachmachern und Familien mit den nötigsten Haushaltsutensilien versorgten. Ihre bedingungslose Loyalität untereinander, ihr Männlichkeitskult und ihr strenger, pseudomoralischer Kodex faszinierte vor allem Filmemacher, deren Leinwandhelden den Yakuza den Ruf von Gentleman-Gangster einbrachten.

Aber bei aller Faszination für Japans Unterwelt darf man nicht vergessen, dass die Yakuza ultrabrutal und rücksichtslos gegen alle vorgehen, die ihren Plänen im Wege stehen. Hilfeaktionen, wie nach dem großen Kobe-Erdbeben und nach Fukushima sind wohl eher gutorganisierte PR-Streiche der Gangster.

Falschspieler oder vagabundierende Helden?

Dazu gehört auch die Mär, die die Organisationen über ihre Ursprünge verbreiten. 1603 schaffte es die Familie Tokugawa ein extrem chaotisches Japan nach anderthalb Jahrhunderten Bürgerkrieg unter ihrer Herrschaft zu vereinen. Fern der Hauptstadt jedoch litten die Bauern nach wie vor unter vagabundierenden Diebesbanden, Söldnern und Gesetzlosen. Herrenlose Samurai schlossen sich deshalb zu Dorfbeschützergruppen zusammen und schlugen die Schurken zurück. Diese Machi Yakko wurden zu Volkshelden, die bis heute in Liedern und Theaterstücken gefeiert werden.

Weil sie ihre Volksnähe gerne betonen, behaupten die Yakuza, auf jene Helden zurückzugehen. Betrachtet man allerdings das Milieu, aus dem der Begriff Yakuza stammt, dann findet man eine passendere Antwort auf die Herkunftsfrage. Denn das schlechteste Blatt beim Kartenspiel Hanafuda ist die Kombination der Karten 8-9-3 (gelesen: ya-ku-za). Es ist also wahrscheinlicher, dass die Yakuza aus den Kreisen professioneller Glücksspieler stammen.

Der Infrastrukturausbau in Japan verschlang im siebzehnten Jahrhundert nämlich Unsummen. Zu diesem Zweck lockerte die Regierung das Glücksspielverbot und entsandte professionelle Groupiers, die den angeheuerten Straßenbauarbeitern nachts das sauer verdiente Geld wieder abnahmen. Diese Abzocker waren die Bakuto. Mit der Zeit bildeten sie überregionale Netzwerke und übernahmen die Kontrolle über das illegale Glücksspielgeschäft und die Vergnügungsviertel des Insellandes.

Es zählt nur Loyalität und Stärke

Drei große Gruppen beherrschen heute die japanische Unterwelt: Die Yamaguchi aus Kansai (geschätzte 45.000 Mitglieder), die Sumiyoshi (mit etwa 10.0000 Mitgliedern) und die Inagawa (etwa 7.000 Mitglieder) aus der Umgebung von Tokyo .

In ihrem Territorium kontrollieren sie auch heute noch das illegale Glücksspiel und das Vergnügungsgewerbe. Aber auch im Drogenhandel, im Immobiliengeschäft, in der Bau- und der Abfallentsorgung mischen sie mit. Damit sich die vielen Gangs nicht in die Quere kommen gibt es eine strenge Hierarchie und einen noch viel strengeren Ehrenkodex, an den sich alle zu halten haben. An der Spitze der Syndikate steht deshalb der Kumichou, Bandenchef, der die wichtigen Entscheidungen fällt. Ihm sind alle internen Gruppen (Ikka) zum Gehorsam verpflichtet. Nur die Anführer der Zweigfamilien (Kyoudai) begegnen sich auf Augenhöhe. Der Rest folgt dem Kodex einer bedingungslosen Meister-Schüler-Hörigkeit (Oyabun-Kobun-System).

Karriereboost Knastvertretung

Die Ausbildung läuft nach dem Prinzip „zuschauen und nachmachen“. Hierbei gilt es, den Yakuza- Sprachcode, Floskeln und Verhaltensregeln zu lernen. Wer sich im Laufe der Ausbildung schnell bewährt, steigt im Rang auf. Beste Möglichkeit hierfür ist ein Gefängnisaufenthalt für einen hochrangigen Yakuza durch ein falsches Schuldeingeständnis. Auf der Führungsebene der Syndikate gab es früher kaum jemanden, der nicht mindestend 10-15 Jahre stellvertretend im Knast abgesessen hatte.

Ein Fingerglied als Entschuldigung

„Lieber einen Finger verlieren, als den Kopf. Und lieber den Kopf verlieren, als das Gesicht“, heisst es unter den Yakuza.

Deshalb verbüßen diese schwere Fehler traditionell, indem sie sich selbst eine Fingerkuppe oder ein ganzes Fingerglied amputierten und diese dem Vorgesetzten überreichen. Yubitsume wird diese Praxis genannt. Zum Abtrennen wird entweder ein sehr scharfes Messer oder Hammer und Meißel genommen.

Der Brauch stammt übrigens von Kurtisanen aus dem japanischen Mittelalter, die ihrem Gönner eine Fingerkuppe als Treuebeweis schenkten. Bei den Yakuza bedeutete ein fehlendes Fingerglied die Lockerung des Schwertgriffes. Durch die Amputation soll die Ernsthaftigkeit eines Anliegens klargemacht, die Selbstaufgabe für den Vorgesetzten zur Schau gestellt und die Stärke eines Junggangsters bewiesen werden.

Irezumi: Einmal Yakuza, immer Yakuza

Ganzkörpertätowierungen im Irezumi-Stil sind das Merkmal traditioneller Yakuza. Die Tattoos sind fast immer Ukiyoe-Holzschnittmotive, Blumenmuster, Tiere, Helden- oder Heiligenbilder. Außerdem zeigen sie Rang und Syndikatszugehörigkeit an. Das Motiv der Irezumi charakterisiert den Träger und unterstreicht dessen Entscheidung, der japanischen Gesellschaft für immer den Rücken zu kehren.  Die Farbe wird übrigens von Hand unter die Haut gestochen. Die Anfertigung der Ganzkörperzierde dauert meist mehrere Monate und ist sehr schmerzhaft. Deshalb ist die Irezumi auch wieder ein Beweis von Stärke und Männlichkeit. Die Kumi sehen sich als soziales Auffangbecken. Beim Rekrutieren von Nachwuchs suchen sie unter den Zuwanderern, Tagelöhnern, Bozozoku-Rockerbanden, Ex-Polizisten oder vorbestraften Jugendlichen – kurz all denen, die keine Bilderbuchkarriere im erfolgsorientierten Japan machen konnten. Dabei ist diese „letzte Chance“ für den Yakuza-Nachwuchs normalerweise nicht der wesentliche Entscheidungsfaktor: Laut Umfrage fühlten sich etwa 65 Prozent vor allem vom cool-harten Image und der abenteuerlichen Yakuza-Welt angezogen.

Polizei & Yakuza – ein historisches Geschäft

Die Yakuza hat für die Regierung die Drecksarbeit gemacht. Wir haben die Kommunisten umgebracht und die Straßen sauber gehalten, nicht die Polizei Es war ein historisches Geschäft.    (Gangmitglied im „Merian“- Artikel)

Solange sie sich auf illegales Glücksspiel, Prostitution und den Aufputschmittelhandel konzentrierten, überließ die Polizei den Syndikaten das Feld. Spätestens seit dem 2. Weltkrieg  wurde daraus eine handfeste Kooperation.  Die Yakuza halfen der Polizei den Schwarzmarkthandel zu kontrollieren und Kleinkriminalität in den Griff zu bekommen. Bei Übergriffen der japanischen Linken gegen die Polizei in den 60 er/ 70 er Jahren prügelten die oft ultrakonservativen Syndikatsmitglieder ihren Partnern in Uniform den Rücken frei. Die Kumi-Mitglieder konnten lange Zeit ungestört agieren, unterhielten Büros, an deren Türen ihre Wappen prangten und Syndikats-Mitglieder verteilten auf der Straße ihre Visitenkarten, die sie als Yakuza auswiesen.

Image auf’s Spiel gesetzt – und verloren

Mit der Zeit begannen die Yakuza auf ihrer Suche nach neuen Einnahmequellen immer häufiger Wirtschaft und Bevölkerung zu schikanieren. Beliebte Tricks waren gefakete Unfälle mit überteuerten Schadensersatzforderungen. Sie ließen im Gedränge Gegenstände fallen oder provozierten Auffahrunfälle im Berufsverkehr. Wer nicht bezahlen wollte wurde bedroht oder zusammengeschlagen. Außerdem stiegen die Gangster ins Imobiliengeschäft ein, kauften ganze Wohnblocks weit unter Preis. Wer sich nicht von seinem Haus trennen wollte wurde terrorisiert. Die Gangster lagerten Müll auf dem Nachbargrundstück oder zermürbten die Anwohner durch dauerhafte Lärmbelästigung.

Nachdem bei Schießereien rivalisierender Banden auch Zivilisten ermordet wurden, musste die Polizei handeln. Durch das Anti-Yakuza-Gesetz (boutaihou) erhielten die Ermittler Sonderbefugnisse im Kampf gegen die Kriminellen, sobald diese erst einmal offiziell als Yakuza-Kumi eingestuft wurden. Um einen Schlussstrich unter das gute Image der Yakuza zu ziehen, wurden die Yakuza zudem offiziell in Bouryokudan (Gewaltgruppen) umbenannt. Die Kumi fühlten sich dadurch natürlich von der Polizei verraten.

Das Ende der Yakuza?

Trotz regelmäßiger Revisionen des Anti-Yakuza-Gesetzes ist nicht anzunehmen, dass die Yakuza jemals vollständig „ausgerottet“ werden – auch wenn  dies regelmäßig von der Polizei in ihren Jahresberichten proklamiert wird. In ihrer über dreihundertjährigen Geschichte hat die japanische Mafia immer wieder gezeigt, dass sie in höchstem Maße anpassungs- und wandlungsfähig sind. Ganz klar ist aber, dass die Anzahl der Erpressungsdelikte und Bürgerschikanen, auf die das Gesetz schwerpunktmäßig ausgerichtet war, deutlich abgenommen hat.

Der wohl wichtigste Effekt der Yakuza-Gesetze  ist der, dass die Bevölkerung wieder Vertrauen in die Durchsetzungskraft der Behörden gewonnen hat. Heute wehren sich immer mehr Bar- und Clubbesitzer, indem sie Schutzgeldforderungen zur Anzeige bringen. Allerdings hat die Yakuza sich im gleichen Atemzug um Alternativ-einnahmequellen gekümmert. Seit der Wirtschaftkrise treten die Syndikate immer häufiger als Geldeintreiber und Kredithaie auf. Außerdem gingen die Yakuza als  Ordnungsfaktor der Unterwelt verloren. Dadurch gewinnen nicht weniger brutale Verbrecherkartelle aus China, Taiwan und Korea an Einfluß. Die Folge ist zum Beispiel, dass neben Speed heute auch harte Drogen wie Heroin ins Land kommen.

Trotzdem ist das gesteuert romantisierte Image der Gangster bei der Bevölkerung hinfällig geworden, weil ihr immer brutaleres Auftreten seit den 70ern sie endgültig als asoziale Elemente enttarnte. Jenseites der Realität existiert jenes Idealbild nur noch in der Popkultur, in Romanen, Filmen und Videospielen weiter. Den Bezug zu ihren realen Pendants stellt (zumindest in Japan) kaum noch jemand her.

Androidinnen: Made in Japan

Androidinnen: Made in Japan

Das seit 2007 aussterbende Inselvolk setzt auf mechanische Diener, um drohende Versorgungsengpässe in der Pflege abzufedern. Dabei weichen eckige Maschinen mit Greifhakenhänden allmählich makellos modellierten jungen Frauen mit Gummihaut und Pagenschnitt.

Japans Geburtenrate befindet sich seit 1974 auf Talfahrt. Japanische Frauen bringen im Schnitt nur noch 1,4 Kinder zur Welt. 2,1 wären aber nötig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Gleichzeitig sorgt der medizinische Fortschritt dafür, dass die Menschen immer älter werden. Was das bedeutet kann man sehen, wenn man mal aus den Metropolen heraus aufs Land fährt. Japan entwickelt sich zu einem Greisenland. Und da eine Lockerung der Einwanderungsbestimmungen für Tokyo nicht zur Debatte steht, stellt sich die Frage, wer das aufklaffende Fachkräfteloch füllen soll. Die Antwort ist aber nicht „wer“, sondern „was“.

Die Altenpfleggerobbe Paro, der Care-Bear RIBA oder der Hausdiener Wakamaru sind allesamt Roboter und sie haben eines gemeinsam: Sie sehen einfach nett aus. Und das liegt nicht bloß daran, dass Japan seit Jahrzehnten in einem Meer von putzigen Produkten und kulleräugigen Maskottchen versinkt. Die Niedlichkeit (Kawaii) soll Menschen dabei helfen, Maschinen an ihrer Seite zu akzeptieren. Und das funktioniert bei den Japanern erstaunlich gut. Erst wenn die Konstruktionen zu menschenähnlich werden, schlägt hier und da das Interesse in Skepsis um. Denn seltsamerweise stellt sich für einige erst dann die ethische Frage, ob es in Ordnung ist, einen Menschen durch Maschinen zu ersetzen, wenn die Maschine ihren Erbauern wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Hausgemachte Konkurrenz

Geschichten über das Verhältnis von Menschen und Androiden – also Maschinen, die wie ihre Erbauer aussehen und sich auch so benehmen –  gibt es in der japanischen Manga-Comic-Literatur unzählige. Und in beinahe all diesen Geschichten geht es letztlich um die Angst der Menschen, die Kontrolle über ihre Schöpfung zu verlieren. Oder schlimmer noch: gar von ihr übertroffen zu werden.

Diese Zukunftsmusik scheint zunehmend real, seit Japans erste Roboterlehrerin Nachhilfestunden gegeben hat und attraktive Fembot-Hostessen Messebesuchern den Weg zur Toilette erklären. Längst geht es Tüftlern und den dahinter stehenden Forschungsinstituten nicht mehr darum, einen Putzroboter oder Schachpartner für Pflegeheimbewohner zu konstruieren. Für sie hat ein Wettlauf begonnen, an dessen Ziel der künstliche Mensch steht, der in Verhalten und Aussehen nicht mehr von seinen Schöpfern zu unterscheiden sein wird.

Roboter lieben lernen bei Professor Android

Die unglaublichsten Wegmarken ins Robo-Zeitalter setzt seit Jahren ein Mann aus Osaka: Professor Ishiguro Hiroshi. Seine Repliee Androiden sehen ihren menschlichen Vorbildern nicht nur zum verwechseln ähnlich. Sie sprechen, blinzeln und unterstützen das gesagte mit scheinbar belanglosen Gesten. Vor ein paar Jahren präsentierte Ishiguro auf einer Messe einen attraktiven weiblichen Androiden, der auf Publikumsfragen reagierte und sogar die richtigen Antworten geben konnte.

Auch von sich selbst hat er längst eine Robo-Replik angefertigt. Die kann zwar nur sitzen, weil die Nachahmung des menschlichen, zweibeinigen Gangs unglaublich schwierig ist. Dafür aber ahmt sie natürliche Körperbewegungen wie Atmung nach und verfügt mit 50 Motoren im Gesichtsbereich über eine ausgeprägte Mimik.

Dem 51-jährigen geht es längst nicht mehr darum, eine mechanische Kopie eines Menschen zu konstruieren. Er konzentriert sich auf den nächsten Schritt: Die Überbrückung der natürlichen Distanz, die Menschen gegenüber Maschinen empfinden. Sein Doppelgänger wurde beispielsweise über ein Motion-Capture System ferngesteuert, um herauszufinden, inwieweit die Interaktion aus der Ferne auch eine persönliche Präsenz übertragen kann, also ob die Studenten irgendwann vergessen, dass sie sich um eine Replik von Professor Ishiguro handelt.

„Zuerst ist man über Androiden irritiert. Aber wenn man erst einmal in eine Konversation gezogen wird, vergisst man jeden Unterschied und fühlt sich ganz in Ordnung, wenn man mit ihm spricht und ihm in die Augen schaut.“

(Robo-Forscher Ishiguro Hiroshi)

Von Stepford Wives und Love Doll-Luden

Das Netz ist natürlich längst voller Leute, die es kaum erwarten können, über diese kleinen Unterschiede hinwegzusehen. Diskutiet wird, ob Sex mit den Roboter-Damen möglich sein wird oder ob die künstliche Intelligenz ausreicht, um eine Androidin zur Frau zu nehmen. Was bei den Stepford Wives von Ira Levin in den Siebzigern noch als Satire gemeint war, rückt in greifbare Nähe. Denn schon jetzt gibt es in Tokyo Bordelle, die lebensgroße Latex-Damen für ein einseitig-aufregendes Tête-à-Tête pfeilbieten.

Der ehemalige Software Ingenieur Itonaga Katsuyoshi war der erste, der vor zehn Jahren Stundenhotels mit untenrum anatomisch korrekten Schaufensterpuppen belieferte. Ein paar Jahre später betrieb er bereits sieben eigene Bordelle, deren Mitarbeiterschaft ausschließlich aus Love Dolls besteht. Der Preis für eine zweistündige Nummer entspricht übrigens dem Standard-Callgirl-Tarif. Trotzdem sind die Liebespuppenbordelle immer gut besucht. Haarfarbe, Aussehen, Figur, Kleidung und die jeweiligen Motto-Zimmer können vorher ausgewählt werden. Ob die Puppen dann für Sex benutzt oder nur mit mitgebrachten Kostümen fotografiert werden, ist den Betreibern egal. Zumindest aber weist ein Schild über der Eingangstür darauf hin, dass „Love-Dolls wie richtige Mädchen sind. Geht sanft mit ihnen um“.

Etwa 6.500 US-Dollar kostet eine solche Puppe für den Hausgebrauch. Wer sich das nicht leisten kann oder neben der Ehe heimlich einer solchen Vorliebe nachgehen möchte, besucht einfach einen der Tokioter Puppen-Puffs, wie der lustige „Stern“ diese Hotels mal betitelte. Der Schritt ein solches Etablissement mit Roboterfrauen auszustatten, ist natürlich nicht mehr groß. Der Betreiber Itonaga träumt schon lange von einem Computerchip für seine Mädels.

„Mein Traum ist es, den Leuten eine Robotergeliebte zu geben, die auch mal etwas Unerwartetes macht.“ (Puppenlude Itonaga Katsuyoshi)

Iiih, Roboter: Invasion auf den Arbeitsmarkt

Androidinnen fürs Bett werden nur was für Männer sein, die heute schon einen von Beate Uhses aufblasbaren Dauerbrennern in der Bastelkiste verstecken. Und auch Lehrer, Modells oder Krankenpfleger brauchen sich keine Sorgen um ihren Job zu machen. Die Service-Roboter sollen einem zur Hand gehen, können hier aber kaum ihre menschlichen Vorbilder ersetzen.

In der Industrie oder Landwirtschaft haben Maschinen Tätigkeiten übernommen, die sie nach identischen Handlungsmustern ausführen. Computer können eben nur Regeln befolgen oder anhand von Datensätzen auswerten, welche Antwort in ähnlichen Fällen am häufigsten gegeben wurde. Also bloß nicht das Zwischen-den-Zeilen-lesen verlernen, dann bleibt die Invasion der Robo-Konkurrenz auf Bürosessel und Ehebetten Science-Fiction.

Japans heiligen Berg besteigen

Japans heiligen Berg besteigen

Fujisan nobori: Japans heiligen Berg besteigen

Jeder Japaner, so heißt es, sollte einmal in seinem Leben den höchsten Berg des Landes bestiegen haben. Und jeder, der die 3776 Höhenmeter über Vulkanasche-Wege bis zur Spitze des Fuji herauf gewandert ist, beteuert, sich dieser urjapanischen Herausforderung erneut stellen zu wollen. Am Aufstieg Gescheiterte tun dies natürlich auch – nur leiser.

Nichts, außer vielleicht dem Kaiserhaus, hat für die Japaner einen so nationalsymbolträchtigen Charakter wie ihr heiliger Berg Fuji. Der nahezu vollkommen symmetrische Vulkankegel ist deshalb auch das beliebteste Motiv der dortigen Dicht- und Bilderkunst. Nicht auszudenken, wenn der irgendwann mal wieder ausbricht und dadurch seine Form verliert. Das könnte aber jederzeit passieren, denn der Fuji ist aktiv und seit Jahren überfällig. Auf Ukiyoe-Holzschnitten ist er so allgegenwärtig, dass man glaubt, ihn von jedem beliebigen Punkt in Japan sehen zu können. Was aber leider nicht stimmt. Selbst im 100 Kilometer entfernten Tokyo kann man den Fuji nur bei besonders klarem Himmel sehen. Deshalb sollte jeder, der eine Zeit in Japan verbringt, zumindest in die Wälder am Fuße des Fuji pilgern und zum Gipfel raufschauen.

Fujisan oder Fujiyama?

Die meiste Zeit des Jahres ist der Gipfel mit Schnee bedeckt. Mit Beginn der Wandersaison vom 1. Juli bis zum 31. August zeigt er dann sein gesamtes Farbspektrum, von tiefschwarzem Gestein im Tal bis hin zu seiner normalerweise nicht sichtbaren dunkelroten Spitze. Die Japaner nennen ihn deshalb auch den „Akafuji„, den roten Fuji. Seine im Westen gängige Bezeichnung „Fujiyama“ verdankt der Berg übrigens einem Übersetzungsfehler der ersten Stunde interkulturellen Austausches.

Japanische Bergnamen werden häufig mit der Endung „san“ oder „yama“ versehen. Beides bedeutet einfach nur Berg oder Gebirge, ersteres ist die sino-(chinesisch-)japanische Lesung für das Schriftzeichen (山), die zweite die rein japanische. Die Regeln wann, welche Lesung benutzt wird, sind relativ simpel. Aber gerade bei Orts- und Personennamen gibt es so viele Ausnahmen, dass man spezielle Fachlexika braucht. Das „san“ bei „fujisan“ hat aber nichts mit Berg-Schriftzeichen zu tun und da liegt der Fehler.

Der Fuji wird als Sitz verschiedener Gottheiten angesehen und deshalb mit dem Suffix „-san“ bedacht, im Sinne von „ehrwürdiger Fuji“. So macht man das im Japanischen auch mit Familien oder Vornamen – Karate-Kid-Kennern dürfte dies bekannt vorkommen ;) Kein Wunder also, dass hier der eine oder andere Übersetzungspionier durcheinander gekommen ist.

Träume vom Steigen

Bis 1838 durften Frauen den heiligen Berg gar nicht erst betreten. Nur Mitgliedern der Sengen-Sekte, die auch heute noch die Bergsteige-Saison offiziell eröffnet, war dies erlaubt. Heute wagen jeden Tag Tausende die ganztägige Bergwanderung, sogar wir Langnasen aus Europa lassen sich das Abenteuer nicht entgehen. Ich muss immer lachen, wenn ich an den Japaner denke, der vollkommen erschöpft mit Wanderstirntuch um die Ecke einer Felsnase auf dem Gipfel ankam und in meine Richtung meinte: „Das gibt’s doch nicht? Herr Ausländer ist auch schon da.“

How to mount Mount Fuji

Es gibt zur Zeit vier traditionelle Routen, auf denen man sich den Weg zur Spitze bahnen kann. Da der Gipfel ganz ohne Steigeisen und Seile, also einfach nur erwandert werden kann, sollte man sich bei der Auswahl des Startpunktes eher daran orientieren, zu welcher Zeit man mit der Besteigung beginnt. Je nachdem, ob man lieber im Schatten oder in der prallen Sonne wandern will. Viele starten auch mitten in der Nacht, um sich den Sonnenaufgang über den Wolken anschauen zu können.

Der Fuji ist in 10 Wanderabschnitte eingeteilt, die von 1 im Tal bis 10 auf der Bergspitze durchnummeriert sind. Da sich der Vulkankegel nur ganz allmählich an seinem Fuße erhebt, starten die meisten Besucher am Parkplatz des 5. Abschnitts, der bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Hier bietet sich übrigens für längere Zeit die letzte Chance sich zu erfrischen, etwas einzukaufen oder vor allem eine Toilette zu benutzen. Früher gab es zahlreiche Kioske auf dem Weg nach oben, die jedoch nach und nach verschwanden.

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Flaschensammler heraufspaziert!

Die Japaner hätten gerne, dass der Fuji zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wird. Die haben aber zurecht abgelehnt und gesagt, dann schafft erstmal den ganzen Wandermüll und Bauschutt weg, wenn euch der Berg so am Herzen liegt. Und das ist wieder so eine Sache die die Japaner so sympathisch macht: Die meisten Leute nehmen zum Bergstieg eine Mülltüte mit und sammeln – und das, obwohl auf dem ganzen Weg vom Parkplatz bis zum Gipfel keine Mülleimer gibt, die Tüten sogar am Ende mit dem Auto mitgenommen werden müssen, weil nicht mal auf dem Parkplatz eine Tonne steht.

Im Durchschnitt dauert der Aufstieg vom Parkplatz am 5. Abschnitt etwa sechs Stunden. Allerdings gibt der Boden, auch auf den Wanderwegen, bei jedem Schritt ein wenig nach, so als würde man auf Katzenstreu oder Kieselstrand gehen. Das ist extrem kräftezehrend.

Außerdem wird die Luft in höheren Lagen (ab 2.500 Metern) dünner, was bedeutet, dass mit jedem Atemzug weniger Sauerstoff als gewohnt aufgenommen wird. Dadurch besteht die Chance, höhenkrank zu werden. Bei Symptomen wie Übelkeit, Schwindelgefühlen und gelber Hautfärbung also echt vernünftig sein, mal ausruhen und schauen, ob man nicht doch lieber umkehren sollte.

Auf der Höhe des achten Abschnittes gibt es eine Rasthütte, in der man sich mit heißer Nudelsuppe, Schokolade oder einer Ruhepause in den Schlafkojen regenerieren kann. Ich hab zwei Muskelriegel und stolze neun Mini-Snickers gegessen und weg war der Schwindel. Wenn dem aber nicht so ist, das Abenteuer lieber auf einen anderen Tag verlegen. Im schlimmsten Fall kann man an der Höhenkrankheit (japanisch Kousanbyou) sterben.

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Fuji-Marathon: Von Joggern überholt

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Während man alle Kraft zusammen nimmt, um die Aschewege hoch zu stolpern, wird man andauernd von Leuten überholt, die den Berg hoch joggen als würden sie auf dem Sportplatz ihre Runden drehen. Nicht demotivieren lassen, die meisten von ihnen sind japanische Jieitai-Soldaten und trainieren für den alljährlichen Fuji-Marathon. In den vergangenen Jahren kamen die Sieger dieses Sportereignisses fast ausschließlich aus den Reihen der nicht ganz unumstrittenen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Umstritten, weil Japan laut Artikel § 9 der Nachkriegsverfassung auf das Unterhalten einer eigenen Armee verzichtet. Militärischer Schutzherr mit stationierten Soldaten in Okinawa ist die USA. Aber die geographische Nähe zu den kommunistischen Schurkenstaaten Asiens war ein klasse Argument für Japans Konservative, zumindest Selbstverteidigungsstreitkräfte (Jieitai) zu unterhalten. Der japanische Militäretat ist mittlerweile der dritthöchste der Weltwelt und Premier Abe  träumt von Kernwaffen – zur Selbstverteidigung versteht sich. Zum Glück lösen solche Aussetzer immer wieder heftige Bürgerbewegungen aus.

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Ein Postamt am Ende der Welt

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Nach dem achten Bergabschnitt wird der Untergrund allmählich fester und der Aufstieg geht steiler über gigantische Stufen bis herauf zum Gipfel. Hier kann man stellenweise noch große schneebedeckte Flächen sehen. Am Ziel muss man nur noch durch ein Shinto-Tor (Toori) an der verlassenen Gipfel-Jugendherberge vorbei und „Erklommen der Fuji-san ist“.

Von hier hat man einen erhebenden Blick von oben auf die Wolken, stellenweise sogar bis ins Tal hinab. Es gibt auch einen Schrein der Orakelzettelchen verkauft und ein Gipfelpostamt, wo man eine fujisanförmige Ansichtskarte kaufen und diese stolz an Freunde und Familie in der Heimat verschicken kann. Der Abstieg geht dann deutlich leichter von den Füßen. Spätestens auf Höhe der achten Station kann man dann neben den Serpentinenwanderwegen auch über die Furchen der Raupentransporter ins Tal steigen. Die kann man mit Siebenmeilenstiefel-Riesenschritten herunterrasen um zumindest einen Teil des Wege zum Heimatmobil abzukürzen.

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Vorsicht mit Fuji-Schicksalssteinen

Wer ein paar der roten Vulkansteinchen als Andenken einpacken will, der sei hiermit gewarnt: Jene Mitbringsel bringen erwiesenermaßen Unglück.

Ein Freund von mir hat auf seiner Japanreise einen Mann aus Shizuoka kennengelernt, der ihm erzählte, er habe früher bei einer Fuji-Besteigung einige Steine mitgenommen, wohlwissentlich dass dieser Frevel ein Unglück heraufbeschwört. Zurück in Deutschland kehrte sich dessen bislang erfolgreiches und glückliches Leben ins direkte Gegenteil. Seine kleine Firma ging pleite und die Situation zerstörte auch seine Beziehung. Als Motivation für den Neuanfang raffte er noch einmal alles Geld zusammen und reiste wieder nach Japan, um die „geraubten“ Steine auf den Fuji-san zurückzubringen. Als er nach verrichteter Arbeit herabstieg, wurde er krank und musste in ein Krankenhaus in der Umgebung eingeliefert werden. Dort verliebte er sich in eine Pflegerin. Die beiden heirateten, bekamen Kinder und leben heute noch zusammen in Japan.

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Kann nicht passiert sein? Ich finde, es gibt Geschichten, die es einfach wert sind, geglaubt zu werden. Ob die Steine nun Schicksalsbringer ist natürlich fraglich. Sicherlich soll diese Abschreckungsmär den Fuji vor systematischen Abtragung bewahren. Auch ich habe damals unwissentlich einige Steine mitgenommen und bis heute ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich meinen „Glückssteinen“ auf dem Schreibtisch einen vorwurfsvollen Blick zuwerfe, wenn Emails mit schlechten Nachrichten hineingeflattert kommen.

Meth-Land Japan: Tigersprung auf Speed

Meth-Land Japan: Tigersprung auf Speed

Nur wenige Länder haben so harte Anti-Drogen-Gesetze wie Japan. Ausländer, die dort mit ein paar Gramm Gras erwischt werden, müssen das Land nach tagelangem Verhör gleich wieder verlassen –  oder für sieben Jahre hinter Gitter. Popstars, die mit ihrem Konsum hausieren gehen, dürfen gar nicht erst einreisen, selbst wenn sie die Rolling Stones heißen oder irgendwann einmal eine internationale Hotelkette erben werden. Die gleiche Strenge erfahren auch die Einheimischen:

Ein Japaner, der mit Drogen erwischt wird, gilt als Süchtiger, muss folglich psychische Probleme haben und kommt im besten Fall erst einmal in die Nervenheilanstalt. Wird er erneut verhaftet, ist klar, dass ihm nicht zu helfen ist, und er wandert in den Knast – zusammen mit all den Schwerverbrechern. Eine öffentliche Diskussion um eine Lockerung der Gesetze oder eine Unterscheidung in harte und weiche Drogen gibt es in Japan nicht. Dafür ist die gesellschaftliche Ächtung von Drogenkonsumenten zu hoch. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt warum: Das Land versucht, über seine jahrzehntelange Liebesaffäre mit Wachmachern hinweg zu kommen.

„A couple years ago, both a rugby player and a sumo wrestler were found to be in possession of marijuana, and both athletes had their Japanese sports careers ended. People who get caught with drugs can be fired from their jobs, expelled from school, and have their life flipped, turned upside-down Bel-Aire style. In other words: it sucks to get caught with drugs if you’re a Japanese citizen.“  (Hashi von tofugu.com)

Wir Kinder aus der Wachmacher-Straße

Japan will kein Drogenproblem haben. Gleichzeitig bietet das Land aber den perfekten Markt für Aufputschmittel aller Art. Hier wurde Crystal Meth erfunden und danach jahrzehntelang über die Drogerien vertrieben. Japans totalen Krieg kämpfte und ertrug die hungernde Nation auf Speed. Und auch den Hau-Ruck-Aufstieg zur Wirtschaftsmacht ermöglichte ein hochmotiviertes Heer aufgeputschter blauer Ameisen. Schwäche und Müdigkeit gibt in Japan niemand gerne zu. Für den Tod durch Überarbeitung aus falschem Pflichtgefühl gibt es sogar einen eigenen Begriff: Karoshi.

Entspannung versprechende Drogen wie Heroin oder LSD spielen auf den Inseln keine besondere Rolle. Nur  Marihuana ist vor allem bei jungen Leuten, die eine Zeit im Ausland verbracht haben, im kommen. Den Markt beherrschen seit jeher die Wachmacher: Speed, Ice  und Methamphetamine – auf japanisch Shabu oder Kakuseizai. Jeder, der in Japan nachts oder in Doppelschichten arbeitet gehört zur Zielgruppe der Dealer: Büroangestellte, Lieferanten, Taxifahrer, Bauarbeiter. Seit den Neunzigern gibt es auch immer mehr jugendliche Meth-User, vor allem paukende Studenten und dem Magerwahn verfallene Schülerinnen – denn mit Methamphetamin kann man sich nicht nur besser konzentrieren, es unterdrückt auch das Hungergefühl.

Japan wird häufig als Meth-Nation bezeichnet. Das United Nations Office on Drugs and Crime geht in seinem Report von 2012 jedoch davon aus, das lediglich 0,2 Prozent der 15 bis 64 jährigen Japaner Amphetamine konsumieren. Das ist verglichen mit anderen hochentwickelten Staaten wenig. In den USA und Australien beispielsweise nehmen jeweils knapp zwei Prozent der Erwachsenen solche Drogen ein. Vor 60 Jahren allerdings erreichte die Verbreitung von Methamphetaminen in Japan geradezu epidemische Ausmaße.

Methhead-Nation Dank Philopon

Japans Liebesaffäre mit den Wachmachern begann im Jahr 1919, nachdem der Chemiker Akira Ogata ein Verfahren entwickelte, um den Wirkstoff Methamphetamin zu kristallisieren. Das Rezept ließ er sich patentieren und der Stoff fand seinen Weg in die Drogerien. Philopon/Hiropon hieß das neue Zaubermittel gegen Parkinson, Alkoholismus und Narkolepsie. Wegen dessen aufputschender Wirkung war der Missbrauch  vorprogrammiert.

Meth verleiht ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, unterdrückt Müdigkeit, Hunger und Schmerz. Kein Wunder, dass der Stoff im 2. Weltkrieg zum absoluten Verkaufsschlager wurde. Die kriegstreibenden Eliten ließen Massen an Philopon herstellen und verteilten es an Waffenfabrikarbeiterinnen, ausgehungerte Stadtmenschen oder Kamikazepiloten. Eine ganze Nation wurde auf Amphetaminen durch einen aussichtslosen Krieg gepeitscht. Wie auch in Deutschland: Hier wurde Meth unter dem Namen Pervitin vertrieben – in Pralinen für Hausfrauen oder als Stuka-Tabletten für die Frontsoldaten. Und – wen wunderts – auch Hitler soll sich regelmäßig ein Näschen Größenwahn gegönnt haben.

Kraftfutter für den Wiederaufbau

Nach dem 2. Weltkrieg waren Japans Großstädte, Infrastruktur und Industrie fast vollständig zerstört. Es gab kaum Lebensmittel, dafür aber Tausende von Menschen, die durch den jahrelangen Speedkonsum abhängig geworden waren. Zum Glück hatte der Megakonzern Dainippon Sumitomo Pharma in Kriegszeiten mehr als eine Tonne Philopon hergestellt. Das wurde jetzt wieder großzügig an die Hungernden verteilt – als Kraftfutter für den Wiederaufbau. Gegen Cannabis jedoch gingen die US-Besatzer mit aller Härte vor. Hanf wuchs zu dieser Zeit überall am Wegesrand und wurde zur Herstellung ritueller Gegenstände bei Shintozeremonien, von Kleidung oder für medizinische Zwecke verwendet. Damit war es nun vorbei. Anfangs beschriebene drakonische Bestrafung bei Drogenvergehen basiert auf jenem Cannabis-Verbotspaket von 1948. Offiziell sorgte sich die Oberste Heeresleitung um die in Japan stationierten Soldaten, die durch das allgegenwärtige Rauschkraut in Versuchung geraten könnten. Hanfaktivisten deuten das Verbot jedoch als Lobbyarbeit, als weiteren Schritt in der systematischen Verteuflung der Nutzpflanze zum Schutz der US-amerikanischen Papier- und Synthetikfaser-Textilindustrie.

Die Yakuza übernehmen den Markt

Ende der Vierziger dämmerte den Regierenden, dass ihr Wiederaufbau auf Speed schlimme Nebenwirkungen hatte: Die Organe werden durch das Gift zersetzt. Weil dem Körper außerdem Kalzium entzogen wird, werden die  Knochen brüchig und die Zähne faulen aus. Viel schlimmer jedoch waren die aggressiven Ausbrüche der Methheads. Der dauerhafte Konsum der Droge löst nämlich paranoide Wahnvorstellungen bis hin zu Schizophrenie aus.

Hals über Kopf wurde deshalb bis 1955 eine Reihe  Aufklärungskampagnen gestartet, um die Meth-Epidemie in den Griff zu bekommen. Aber der Markt für Wachmacher war da, und Japans Wirtschaft setzte gerade zum großen Tigersprung an. Das brachte die japanischen Verbrechersyndikate, die Yakuza, ins Spiel. Philopon war zwar verboten, aber es kam unter dem Slangwort Shabu zurück. Als die ersten illegalen Meth-Labore geschlossen wurden, verlagerte die Yakuza die  Produktion aufs Festland und schmuggelte die Drogen anschließend wieder zurück ins Land. Bis heute ist Shabu die am weitesten verbreitete Droge in Japan. Andere Substanzen hielt die Yakuza, die sich selbst gerne als Anwalt der Bürger in illegalen Fragen darstellt, vom Markt fern.

Letztlich spielt die krasse Kriminalisierung und Pauschalisierung von Drogen in Japan den Verbrechern Unsummen in die Tasche. Drogen sind dort so teuer wie kaum anderswo. Die „japanische Mafia“ bezieht heute etwa 43 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Aufputschmittelhandel und verdient daran jährlich geschätzte 3,38 Milliarden US-Dollar. Und auch der Todeskult AUM-Shinrikyo, der für den Saringasangriff auf die Tokioter U-bahn verantwortlich gemacht wird, finanzierte seinen Krieg gegen die japanische Gesellschaft unter anderem über Drogenlabore in Übersee. Für diejenigen, die sich ohnehin nicht scheuen, das Gesetz zu übertreten, hat sich eine lukrative Einnahmequelle aufgetan.

Drugs are for Losers. Don’t do Drugs in Japan!

Japans Anti-Drogenpolitik ist so drakonisch, weil sich das Land vor Jahrzehnten selbst auf Entzug gesetzt hat. Bei der Bewertung des Strafmaßes darf man aber auch nicht übersehen, das Japan im allgemeinen ein sehr verregeltes Land ist und dort nicht zimperlich mit denen umgegangen wird, die sich nicht an die gesellschaftlichen Eckpunkte des Zusammenlebens halten. Zum Beispiel ist in Großstädten in vielen Straßen das Rauchen ganz verboten, und wer noch ein Feierabendbierchen zischen will, nimmt danach lieber die Bahn, denn in Japan gilt die Null-Promillegrenze.

Trotz der harten Strafen steigt auch in Japan der Drogenkonsum. Vor allem immer mehr junge Leute nehmen regelmäßig Meth und Partydrogen wie Ecstasy. Auch der illegale Anbau von Cannabis in kleinen Hausplantagen boomt, ebenso wie Spice-ähnliche Grasersatzdrogen, von denen schneller neue Sorten auf den Markt kommen als die Regierung ihre Verbotsliste updaten kann.