Wo bleibt die japanische Energiewende?

Wo bleibt die japanische Energiewende?

Wo bleibt die japanische Energiewende?

Kein Volk der Welt hat die Gefahren der Atomspaltung so drastisch am eigenen Leib erfahren wie die Japaner. Nach den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki setzte das Land jedoch trotzdem auf Kernenergie, um damit den Motor des Wirtschaftsbooms anzuwerfen. Seit 1978 gab es elf bekannte Unfälle in den Kraftwerken. Erst mit dem Super-Gau von Fukushima forderte endlich eine breite Masse der Bevölkerung die japanische Energiewende. Aber sie wird nicht kommen. Vorerst.

Der Pazifische Krieg: Japan auf Selbstmordkurs

Japans Atomgeschichte begann im August 1945. Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki wurde der ganzen Welt verkündet, dass eine neue Waffe zum Einsatz gekommen sei, um den Krieg endlich zu beenden.

US-Präsident Truman betonte stets, dass dies mindestens 500.000 Amerikanern das Leben gerettet habe. Die Opfer spielten in der internationalen Presse keine Rolle, nur die Sprengkraft der Superbombe. Nach der Kapitulation Japans und der Besatzung zensierten die Amerikaner dann systematisch alle schmutzigen Fakten ihres „Feldzugs gegen das Böse“.

„Fotografisches Material aus Hiroshima und Nagasaki konnte bis zum Ende der Besetzungszeit, 1952, nirgends gezeigt werden. General Mac Arthur regierte mit diktatorischer Gewalt, überzeugt von seiner Mission, die Japaner durch Umerziehung zu einem der USA wohlgesinnten Volk zu machen. Alles was dem Ziel entgegenstand wurde unterdrückt. Und dazu gehörten insbesondere Informationen über die atomare Zerstörung in den letzten Kriegstagen.“ 

(Florian Coulmas in „Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte“)

Das Manhattan-Projekt und seine Versuchskaninchen

Dabei war Japan bereits vor den Abwürfen der Atombomben faktisch besiegt. Das Rohstoffembargo der USA hatte die Kriegsmaschinerie Schritt für Schritt trockengelegt. Nach der Einnahme Okinawas war die japanische Luftwaffe endgültig ausgeschaltet. Danach begannen die USA und England mit dem Bombardement der Hauptinsel. Im August 1945 waren zwei Drittel der japanischen Großstädte zu 60 Prozent zerstört. Trotzdem wollte Japans fanatische Militärführung die Potsdamer Erklärung und damit die bedingungslosen Kapitulation nicht unterzeichnen. Den USA und Großbritannien lief die Zeit davon, denn am 8. August wollten die Russen in den Krieg mit einsteigen – und die wollte niemand als Siegermacht am Verhandlungstisch haben. US-Präsident Truman plädierte daher den Einsatz von Kernwaffen.

Seit 1942 hatten US-Wissenschaftler am Manhattan-Projekt gearbeitet und lieferten sich einen Wettlauf mit Nazi-Deutschland, das ebenfalls an einer neuartigen Superbombe forschte. Doch als die USA die Zielgerade ihrer Forschung erreichten, war der Krieg in Europa bereits vorbei. Zwei Milliarden Dollar an Steuergeldern (nach heutigen Maßstäben etwa 26 Milliarden Dollar) waren für das Rüstungsprojekt ausgegeben worden. Deshalb sollte die Bombe jetzt in Japan zum Einsatz kommen. Gleichzeitig konnte dadurch dem Rivalen Russland die neue Überlegenheit demonstriert und Japan der Angriff auf Pearl Harbor heimgezahlt werden.

Am 6. August starben in Hiroshima deshalb zwischen 90.000 und 180.000 Menschen – größtenteils Zivilisten, davon allein zehn Prozent Zwangsarbeiter aus Korea. Drei Tage später erwischte es Nagasaki, wo zwischen 50.000 und 100.000 Menschen getötet wurden. Auf den einen grellen Lichtblitz folgte die Druckwelle, in der die Menschen buchstäbliche schmolzen und die Gebäude weggefegt wurden. Wer überlebte, erlag seinen Verbrennungen oder den Strahlenkrankheiten, die damals natürlich weder bekannt noch behandelbar waren.

Niemand spricht über die Hibakusha

Die Atombombenopfer und ihre Nachkommen, die sogenannten Hibakusha, blieben lange Zeit alleine mit ihren Erlebnissen und Leiden. In der Masse der Gräueltaten des 2. Weltkrieges ging „der nukleare Holocaust“ von Hiroshima und Nagasaki unter. Und nach der jahrelangen US-amerikanischen Nachrichtensperre tat auch die japanische Regierung kaum etwas, um nachträglich für Aufklärung zu sorgen. Ganze zwölf Jahre vergingen, bis erste Versorgungsregelungen für die Hibakusha durchgesetzt wurden. 1968 erhielten die Menschen, denen der Krieg alles genommen hatte, erstmals unentgeltliche ärztliche Betreuung.

Viel schlimmer ist allerdings, dass Hibakusha vom Rest der Bevölkerung sozial diskriminiert wurden. Viele Japaner vermieden Kontakt und Austausch mit den wandelnden Mahnmalen ihrer gemeinsamen faschistischen Vergangenheit. Auch ging das Gerücht um, die Strahlenkrankheiten seien ansteckend. Erst mit der Zeit sorgten Bücher, Erlebnisberichte und Filme, die die Atombombenopfer in den Mittelpunkt stellten, für eine Verbesserung der Situation der Hibakusha.

Japans später Protest

Am Beispiel der Hibakusha sieht man, dass die Japaner das Trauma der Atombombenabwürfe lange Zeit überhaupt nicht aufarbeiteten. In den 50er Jahren führte das US-Militär vom besetzten Japan aus eine Serie von Atombombentests in der Südsee durch. Eines Tages geriet der Tunfisch-Trawler „Lucky Dragon V“ in der Nähe des Bikini-Atolls in die Testzone. Die Besatzung wurde verstrahlt und ihr Funker erlag nach der Heimkehr seinen Vergiftungen. Auf dem Sterbebett äußerte der Kapitän später den Wunsch, er wolle der letzte Japaner sein, der an den Folgen von radioaktiver Strahlung sterben müsse.

Dieser Vorfall sorgte für einen Aufschrei der japanischen Bevölkerung und führte zur längst fälligen Debatte die nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki durch die US-Besatzer systematisch unterdrückt worden war. Die Japaner äußerten erstmals offen die Befürchtung, als Versuchskaninchen missbraucht zu werden und forderten ein Ende der Tests.

Godzilla vs Atomkraft

Die  Auseinandersetzung mit dem Thema fand in den Godzilla-Filmen ihr wohl populärstes Ventil. Darin zerstörte eine durch Atomversuche erweckte Riesenechse Japans Großstädte und zahlte ihnen so die umweltzerstörerische Ignoranz heim. Trotz Bürgerbewegungen gegen die Strahlungsgefahren gelang es der Regierung in den Folgejahren, den Großteil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Japans von Energieimporten abhängige Wirtschaft ohne Atomstrom nicht den erwünschten Aufschwung erleben werde. Seit 1966 gingen dann nach und nach 54 Atomreaktoren ans Netz. Aber selbst für ein so hochtechnisiertes Land wie Japan war es nicht möglich, die Risiken der Kernenergie vollständig auszuräumen.

Mit Atomstrom zum Wirtschaftswunder

Die geschickte Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Regierung ist einer der Hauptgründe dafür, warum die Japaner den Nutzen der Atomenergie von den Folgen der Atombomben entkoppelt bewerteten. Japan wollte nach dem Wiederaufbau um jeden Preis wieder schnell zum Industrieland werden. Da das Inselland jedoch kaum über eigene Rohstoffe verfügt, wurde die Atomenergie als alternativlose Energiequelle verkauft.

1966 ging das erste Kernkraftwerk ans Netz. Parallel zu den Kooperationen mit US-amerikanischen und britischen Unternehmen in dem Bereich baute Japan eine eigenständige Atomindustrie auf. AKWs wurden fern der Ballungsräume errichtet. Das brachte den Kommunen Infrastruktur, Arbeitsplätze, Steuergelder und Subventionen. Vom Staat großzügig gefördert stiegen Japans Megakonzerne wie Toshiba, Hitachi und Mitsubishi mit in das Geschäft ein. Zudem bildete sich ein Zulieferernetzwerk quer durch die japanische Unternehmenslandschaft. Diese Lobby bestimmt bis heute die Richtungs japanischer Energiepolitik.

Für Politik und Wirtschaft kamen die beiden Ölkrisen (1973 und 1979) und die Debatte um die Klima-Erwärmung gerade recht, um Japans Atomkurs konsequent voranzupeitschen. Auch wurde stets betont, die Atomenergie sei vergleichbar günstig – dabei sind in der Kalkulation weder das hanebüchene Subventionsvolumen (alleine vier Milliarden Euro jährlich an Forschungszuschüssen) noch die Müllentsorgung oder Unfall-Folgeschäden beachtet. Politiker reagierten auf „kleinere“ Unfälle oder Warnungen von Wissenschaftlern lediglich mit der Ankündigung, die Sicherheitskontrollen in den Kraftwerken zu erhöhen. Diese Politik stellte auch in der Bevölkerung kaum jemand infrage.

Fukushima und die Neue Anti-Atombewegung

2011 wurden 30 Prozent des japanischen Energiemixes durch Kernreaktoren produziert. Diesen Anteil wollte Japan bis 2030 auf 49 Prozent erhöhen. Obwohl das Land weltweit Technik für Neue Energien exportiert – das Know How also vorhanden ist – sollten jene Energiequellen weiter nur unbedeutenden zwei Prozent ausmachen.

Die Katastrophe von Fukushima hat diese Zielvorstellung durcheinandergebracht – die Forderung nach dem Atomausstieg und einer Energewende wurde immer lauter. Wichtigster Akteur wurde hierbei die Bevölkerung, die sich von Energiebranche und Regierung hinters Licht geführt fühlte. Zu dieser Zeit sprachen sich drei Viertel der Japaner für einen Atomausstieg aus.

Als Premierminister Naoto Kan im August 2011 Jahres zurücktrat, verlor die Energiewende ihren einflussreichsten Fürsprecher. Der im folgende Regierungschef Noda Yoshihiko teilte die in der Politik weit verbreitete Meinung, dass ein rascher Atomausstieg in Japan unmöglich sei. Er argumenierte mit der Versorgungssicherheit für die Industrie und der Bezahlbarkeit von Energie (Klingt bekannt, oder?). Das paradoxe an der Argumentation ist jedoch, dass der Versorgungsengpass, der nach dem Ausschalten aller Kernreaktoren im Land befürchtet wurde, durch reaktivierte Thermalkraftwerke kaum spürbar gewesen ist.

Mit Nodas Ankündigung, die ersten stillgelegten Reaktoren wieder ans Netz zu bringen, erreichten die Proteste der Anti-Atombewegung ein nie da gewesenes Ausmaß. Zur ersten Freitags-Demo am 29. März 2012 kamen nur 300 Aktivisten – Ende Juli umstellten bereits 200.000 Protestler das Parlamentsgebäude in Tokio. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters sprachen sich außerdem fast drei Viertel der japanischen Firmen für einen Atomausstieg, solange es genügend alternative Stromquellen gibt. Auch die Aktionäre setzten die Atomindustrie unter Druck. Bei Hauptversammlungen mehrerer Versorgungsvetriebe drohten sie mit Rückzug und forderten von Energieriesen wie Tepco, sich künftig auf andere Energiequellen zu konzentrieren. Der reichste Mann Japans, Masayoshi Son, plant zudem den Bau von zehn Solarparks, um die Energiewende im eigenen Land voranzutreiben.

Abe -Kadabra und weg ist die Enegiewende

Japan, das Land, das alle Worst Case-Szenarien der Kernspaltungsgefahr durchgemacht hat, schien endlich mit dem Atomstrom zu brechen. Bei den Parlamentswahlen 2013 trat sogar erstmals eine Grüne Partei an. Doch leider kam mit Shinzo Abe ein weiterer konservativer Hardliner in Japan an die Macht. Im Dezember veröffentlichte sein Industrieminister Toshimitsu Motegi den langfristigen Energieplan des Landes, nach dem Japan vorerst an der Kernenergie festhalten wird.

Damit sind die Hoffnungen auf eine schnelle Energiewende erst einmal auf Eis gelegt – und die japanische Geschichte der Nuklearkatastrophen wird noch einige Kapitel umfassen: Bis heute ist die Gegend um Fukushima Sperrgebiet. Tepco hat die Pannenmeiler immer noch nicht in den Griff bekommen und vergiftet täglich das Meer mit kontaminiertem Wasser. Die radioaktive Strahlung hat erste Mutationen der Fauna und Krebserkrankungen der Bevölkerung Fukushimas zu verantworten.

Bildquelle: Titelbild „大飯原発再稼働反対デモat首相官邸前 Anti-nuclear demonstration in front of Japanese PM residence“ by Matthias Lambrecht, https://www.flickr.com/photos/sandocap/ *Thanks for offering to share your great work in the context of my non-commercial japan fanpage.

Mehr zum Thema

  • Tolle Bücher zum Hintergrund der Atombombenabwürfe sind Florian Coulmas „Hiroshima“ und der autobiographische Manga eines Jungen, der die Atombombe überlebte „Barfuss durch Hiroshima“. Gibt es auch als Fernsehserie und Trickfilm.
  • Toll recherchiertes Buch zum Reaktorunfall und seinen Folgen: „Fukushima: Vom Erdbeben zur Atomaren Katastrophe“ von Florian Coulmas und Judith Stalpers.
  • Hier ein Video, das in 11 Minuten das Ausmaß der Katastrophe zusammenfassst.
  • Masuji Ibuses „Schwarzer Regen“ ist Hibakusha-Literatur, die internationale Erfolge feierte. Auch Kurosawa Akiras Film „Rapsody im August“ behandelt das Thema. Eine weitere schön-traurig-wahre Geschichte ist die des Mädchens Sadako aus Hiroshima, die als Folge der Verstrahlung an Krebs erkrankte. Im Krankenhausbett versuchte sie tausend Origami-Kraniche als Glücksbringer für ein langes Leben zu falten. Die Papierkraniche sind seither Symbol der weltweiten Anti-Kernwaffen-Bewegung.
Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Die Yakuza sind Japans ultraharte Verbrechersyndikate, die hier wohl jeder aus Filmen wie Black Rain, Crying Freeman oder den Gangsterepen von Takeshi Kitano kennt. Wegen ihrer komplexen Bandenstruktur werden die Yakuza auch als japanische Mafia bezeichnet. Den Vergleich mögen sie aber nicht, weil sie sich nicht als Belastung für die Gesellschaft verstehen – mehr als diejenigen, die dort für Recht und Ordnung sorgen, wo die Polizei keinen Einfluß hat. Schutzgeld müssen sie als kleine Aufwandsentschädigung eintreiben. Klingt zynisch, ist sogar dreist. Trotzdem hat diese paradoxe Image-Kampagne jahrzehntelang ihre Wirkung nicht verfehlt.

Japans ultrabrutale Gangster

Die Yakuza wurden früher respektiert, galten als diejenigen, die auf den Straßen für Ruhe sorgten, Kleinkriminelle, Unruhestifter und ausländische Syndikate unterdrückten. Nach dem Krieg waren sie es, die Arbeitswütige mit Wachmachern und Familien mit den nötigsten Haushaltsutensilien versorgten. Ihre bedingungslose Loyalität untereinander, ihr Männlichkeitskult und ihr strenger, pseudomoralischer Kodex faszinierte vor allem Filmemacher, deren Leinwandhelden den Yakuza den Ruf von Gentleman-Gangster einbrachten.

Aber bei aller Faszination für Japans Unterwelt darf man nicht vergessen, dass die Yakuza ultrabrutal und rücksichtslos gegen alle vorgehen, die ihren Plänen im Wege stehen. Hilfeaktionen, wie nach dem großen Kobe-Erdbeben und nach Fukushima sind wohl eher gutorganisierte PR-Streiche der Gangster.

Falschspieler oder vagabundierende Helden?

Dazu gehört auch die Mär, die die Organisationen über ihre Ursprünge verbreiten. 1603 schaffte es die Familie Tokugawa ein extrem chaotisches Japan nach anderthalb Jahrhunderten Bürgerkrieg unter ihrer Herrschaft zu vereinen. Fern der Hauptstadt jedoch litten die Bauern nach wie vor unter vagabundierenden Diebesbanden, Söldnern und Gesetzlosen. Herrenlose Samurai schlossen sich deshalb zu Dorfbeschützergruppen zusammen und schlugen die Schurken zurück. Diese Machi Yakko wurden zu Volkshelden, die bis heute in Liedern und Theaterstücken gefeiert werden.

Weil sie ihre Volksnähe gerne betonen, behaupten die Yakuza, auf jene Helden zurückzugehen. Betrachtet man allerdings das Milieu, aus dem der Begriff Yakuza stammt, dann findet man eine passendere Antwort auf die Herkunftsfrage. Denn das schlechteste Blatt beim Kartenspiel Hanafuda ist die Kombination der Karten 8-9-3 (gelesen: ya-ku-za). Es ist also wahrscheinlicher, dass die Yakuza aus den Kreisen professioneller Glücksspieler stammen.

Der Infrastrukturausbau in Japan verschlang im siebzehnten Jahrhundert nämlich Unsummen. Zu diesem Zweck lockerte die Regierung das Glücksspielverbot und entsandte professionelle Groupiers, die den angeheuerten Straßenbauarbeitern nachts das sauer verdiente Geld wieder abnahmen. Diese Abzocker waren die Bakuto. Mit der Zeit bildeten sie überregionale Netzwerke und übernahmen die Kontrolle über das illegale Glücksspielgeschäft und die Vergnügungsviertel des Insellandes.

Es zählt nur Loyalität und Stärke

Drei große Gruppen beherrschen heute die japanische Unterwelt: Die Yamaguchi aus Kansai (geschätzte 45.000 Mitglieder), die Sumiyoshi (mit etwa 10.0000 Mitgliedern) und die Inagawa (etwa 7.000 Mitglieder) aus der Umgebung von Tokyo .

In ihrem Territorium kontrollieren sie auch heute noch das illegale Glücksspiel und das Vergnügungsgewerbe. Aber auch im Drogenhandel, im Immobiliengeschäft, in der Bau- und der Abfallentsorgung mischen sie mit. Damit sich die vielen Gangs nicht in die Quere kommen gibt es eine strenge Hierarchie und einen noch viel strengeren Ehrenkodex, an den sich alle zu halten haben. An der Spitze der Syndikate steht deshalb der Kumichou, Bandenchef, der die wichtigen Entscheidungen fällt. Ihm sind alle internen Gruppen (Ikka) zum Gehorsam verpflichtet. Nur die Anführer der Zweigfamilien (Kyoudai) begegnen sich auf Augenhöhe. Der Rest folgt dem Kodex einer bedingungslosen Meister-Schüler-Hörigkeit (Oyabun-Kobun-System).

Karriereboost Knastvertretung

Die Ausbildung läuft nach dem Prinzip „zuschauen und nachmachen“. Hierbei gilt es, den Yakuza- Sprachcode, Floskeln und Verhaltensregeln zu lernen. Wer sich im Laufe der Ausbildung schnell bewährt, steigt im Rang auf. Beste Möglichkeit hierfür ist ein Gefängnisaufenthalt für einen hochrangigen Yakuza durch ein falsches Schuldeingeständnis. Auf der Führungsebene der Syndikate gab es früher kaum jemanden, der nicht mindestend 10-15 Jahre stellvertretend im Knast abgesessen hatte.

Ein Fingerglied als Entschuldigung

„Lieber einen Finger verlieren, als den Kopf. Und lieber den Kopf verlieren, als das Gesicht“, heisst es unter den Yakuza.

Deshalb verbüßen diese schwere Fehler traditionell, indem sie sich selbst eine Fingerkuppe oder ein ganzes Fingerglied amputierten und diese dem Vorgesetzten überreichen. Yubitsume wird diese Praxis genannt. Zum Abtrennen wird entweder ein sehr scharfes Messer oder Hammer und Meißel genommen.

Der Brauch stammt übrigens von Kurtisanen aus dem japanischen Mittelalter, die ihrem Gönner eine Fingerkuppe als Treuebeweis schenkten. Bei den Yakuza bedeutete ein fehlendes Fingerglied die Lockerung des Schwertgriffes. Durch die Amputation soll die Ernsthaftigkeit eines Anliegens klargemacht, die Selbstaufgabe für den Vorgesetzten zur Schau gestellt und die Stärke eines Junggangsters bewiesen werden.

Irezumi: Einmal Yakuza, immer Yakuza

Ganzkörpertätowierungen im Irezumi-Stil sind das Merkmal traditioneller Yakuza. Die Tattoos sind fast immer Ukiyoe-Holzschnittmotive, Blumenmuster, Tiere, Helden- oder Heiligenbilder. Außerdem zeigen sie Rang und Syndikatszugehörigkeit an. Das Motiv der Irezumi charakterisiert den Träger und unterstreicht dessen Entscheidung, der japanischen Gesellschaft für immer den Rücken zu kehren.  Die Farbe wird übrigens von Hand unter die Haut gestochen. Die Anfertigung der Ganzkörperzierde dauert meist mehrere Monate und ist sehr schmerzhaft. Deshalb ist die Irezumi auch wieder ein Beweis von Stärke und Männlichkeit. Die Kumi sehen sich als soziales Auffangbecken. Beim Rekrutieren von Nachwuchs suchen sie unter den Zuwanderern, Tagelöhnern, Bozozoku-Rockerbanden, Ex-Polizisten oder vorbestraften Jugendlichen – kurz all denen, die keine Bilderbuchkarriere im erfolgsorientierten Japan machen konnten. Dabei ist diese „letzte Chance“ für den Yakuza-Nachwuchs normalerweise nicht der wesentliche Entscheidungsfaktor: Laut Umfrage fühlten sich etwa 65 Prozent vor allem vom cool-harten Image und der abenteuerlichen Yakuza-Welt angezogen.

Polizei & Yakuza – ein historisches Geschäft

Die Yakuza hat für die Regierung die Drecksarbeit gemacht. Wir haben die Kommunisten umgebracht und die Straßen sauber gehalten, nicht die Polizei Es war ein historisches Geschäft.    (Gangmitglied im „Merian“- Artikel)

Solange sie sich auf illegales Glücksspiel, Prostitution und den Aufputschmittelhandel konzentrierten, überließ die Polizei den Syndikaten das Feld. Spätestens seit dem 2. Weltkrieg  wurde daraus eine handfeste Kooperation.  Die Yakuza halfen der Polizei den Schwarzmarkthandel zu kontrollieren und Kleinkriminalität in den Griff zu bekommen. Bei Übergriffen der japanischen Linken gegen die Polizei in den 60 er/ 70 er Jahren prügelten die oft ultrakonservativen Syndikatsmitglieder ihren Partnern in Uniform den Rücken frei. Die Kumi-Mitglieder konnten lange Zeit ungestört agieren, unterhielten Büros, an deren Türen ihre Wappen prangten und Syndikats-Mitglieder verteilten auf der Straße ihre Visitenkarten, die sie als Yakuza auswiesen.

Image auf’s Spiel gesetzt – und verloren

Mit der Zeit begannen die Yakuza auf ihrer Suche nach neuen Einnahmequellen immer häufiger Wirtschaft und Bevölkerung zu schikanieren. Beliebte Tricks waren gefakete Unfälle mit überteuerten Schadensersatzforderungen. Sie ließen im Gedränge Gegenstände fallen oder provozierten Auffahrunfälle im Berufsverkehr. Wer nicht bezahlen wollte wurde bedroht oder zusammengeschlagen. Außerdem stiegen die Gangster ins Imobiliengeschäft ein, kauften ganze Wohnblocks weit unter Preis. Wer sich nicht von seinem Haus trennen wollte wurde terrorisiert. Die Gangster lagerten Müll auf dem Nachbargrundstück oder zermürbten die Anwohner durch dauerhafte Lärmbelästigung.

Nachdem bei Schießereien rivalisierender Banden auch Zivilisten ermordet wurden, musste die Polizei handeln. Durch das Anti-Yakuza-Gesetz (boutaihou) erhielten die Ermittler Sonderbefugnisse im Kampf gegen die Kriminellen, sobald diese erst einmal offiziell als Yakuza-Kumi eingestuft wurden. Um einen Schlussstrich unter das gute Image der Yakuza zu ziehen, wurden die Yakuza zudem offiziell in Bouryokudan (Gewaltgruppen) umbenannt. Die Kumi fühlten sich dadurch natürlich von der Polizei verraten.

Das Ende der Yakuza?

Trotz regelmäßiger Revisionen des Anti-Yakuza-Gesetzes ist nicht anzunehmen, dass die Yakuza jemals vollständig „ausgerottet“ werden – auch wenn  dies regelmäßig von der Polizei in ihren Jahresberichten proklamiert wird. In ihrer über dreihundertjährigen Geschichte hat die japanische Mafia immer wieder gezeigt, dass sie in höchstem Maße anpassungs- und wandlungsfähig sind. Ganz klar ist aber, dass die Anzahl der Erpressungsdelikte und Bürgerschikanen, auf die das Gesetz schwerpunktmäßig ausgerichtet war, deutlich abgenommen hat.

Der wohl wichtigste Effekt der Yakuza-Gesetze  ist der, dass die Bevölkerung wieder Vertrauen in die Durchsetzungskraft der Behörden gewonnen hat. Heute wehren sich immer mehr Bar- und Clubbesitzer, indem sie Schutzgeldforderungen zur Anzeige bringen. Allerdings hat die Yakuza sich im gleichen Atemzug um Alternativ-einnahmequellen gekümmert. Seit der Wirtschaftkrise treten die Syndikate immer häufiger als Geldeintreiber und Kredithaie auf. Außerdem gingen die Yakuza als  Ordnungsfaktor der Unterwelt verloren. Dadurch gewinnen nicht weniger brutale Verbrecherkartelle aus China, Taiwan und Korea an Einfluß. Die Folge ist zum Beispiel, dass neben Speed heute auch harte Drogen wie Heroin ins Land kommen.

Trotzdem ist das gesteuert romantisierte Image der Gangster bei der Bevölkerung hinfällig geworden, weil ihr immer brutaleres Auftreten seit den 70ern sie endgültig als asoziale Elemente enttarnte. Jenseites der Realität existiert jenes Idealbild nur noch in der Popkultur, in Romanen, Filmen und Videospielen weiter. Den Bezug zu ihren realen Pendants stellt (zumindest in Japan) kaum noch jemand her.

Meth-Land Japan: Tigersprung auf Speed

Meth-Land Japan: Tigersprung auf Speed

Nur wenige Länder haben so harte Anti-Drogen-Gesetze wie Japan. Ausländer, die dort mit ein paar Gramm Gras erwischt werden, müssen das Land nach tagelangem Verhör gleich wieder verlassen –  oder für sieben Jahre hinter Gitter. Popstars, die mit ihrem Konsum hausieren gehen, dürfen gar nicht erst einreisen, selbst wenn sie die Rolling Stones heißen oder irgendwann einmal eine internationale Hotelkette erben werden. Die gleiche Strenge erfahren auch die Einheimischen:

Ein Japaner, der mit Drogen erwischt wird, gilt als Süchtiger, muss folglich psychische Probleme haben und kommt im besten Fall erst einmal in die Nervenheilanstalt. Wird er erneut verhaftet, ist klar, dass ihm nicht zu helfen ist, und er wandert in den Knast – zusammen mit all den Schwerverbrechern. Eine öffentliche Diskussion um eine Lockerung der Gesetze oder eine Unterscheidung in harte und weiche Drogen gibt es in Japan nicht. Dafür ist die gesellschaftliche Ächtung von Drogenkonsumenten zu hoch. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt warum: Das Land versucht, über seine jahrzehntelange Liebesaffäre mit Wachmachern hinweg zu kommen.

„A couple years ago, both a rugby player and a sumo wrestler were found to be in possession of marijuana, and both athletes had their Japanese sports careers ended. People who get caught with drugs can be fired from their jobs, expelled from school, and have their life flipped, turned upside-down Bel-Aire style. In other words: it sucks to get caught with drugs if you’re a Japanese citizen.“  (Hashi von tofugu.com)

Wir Kinder aus der Wachmacher-Straße

Japan will kein Drogenproblem haben. Gleichzeitig bietet das Land aber den perfekten Markt für Aufputschmittel aller Art. Hier wurde Crystal Meth erfunden und danach jahrzehntelang über die Drogerien vertrieben. Japans totalen Krieg kämpfte und ertrug die hungernde Nation auf Speed. Und auch den Hau-Ruck-Aufstieg zur Wirtschaftsmacht ermöglichte ein hochmotiviertes Heer aufgeputschter blauer Ameisen. Schwäche und Müdigkeit gibt in Japan niemand gerne zu. Für den Tod durch Überarbeitung aus falschem Pflichtgefühl gibt es sogar einen eigenen Begriff: Karoshi.

Entspannung versprechende Drogen wie Heroin oder LSD spielen auf den Inseln keine besondere Rolle. Nur  Marihuana ist vor allem bei jungen Leuten, die eine Zeit im Ausland verbracht haben, im kommen. Den Markt beherrschen seit jeher die Wachmacher: Speed, Ice  und Methamphetamine – auf japanisch Shabu oder Kakuseizai. Jeder, der in Japan nachts oder in Doppelschichten arbeitet gehört zur Zielgruppe der Dealer: Büroangestellte, Lieferanten, Taxifahrer, Bauarbeiter. Seit den Neunzigern gibt es auch immer mehr jugendliche Meth-User, vor allem paukende Studenten und dem Magerwahn verfallene Schülerinnen – denn mit Methamphetamin kann man sich nicht nur besser konzentrieren, es unterdrückt auch das Hungergefühl.

Japan wird häufig als Meth-Nation bezeichnet. Das United Nations Office on Drugs and Crime geht in seinem Report von 2012 jedoch davon aus, das lediglich 0,2 Prozent der 15 bis 64 jährigen Japaner Amphetamine konsumieren. Das ist verglichen mit anderen hochentwickelten Staaten wenig. In den USA und Australien beispielsweise nehmen jeweils knapp zwei Prozent der Erwachsenen solche Drogen ein. Vor 60 Jahren allerdings erreichte die Verbreitung von Methamphetaminen in Japan geradezu epidemische Ausmaße.

Methhead-Nation Dank Philopon

Japans Liebesaffäre mit den Wachmachern begann im Jahr 1919, nachdem der Chemiker Akira Ogata ein Verfahren entwickelte, um den Wirkstoff Methamphetamin zu kristallisieren. Das Rezept ließ er sich patentieren und der Stoff fand seinen Weg in die Drogerien. Philopon/Hiropon hieß das neue Zaubermittel gegen Parkinson, Alkoholismus und Narkolepsie. Wegen dessen aufputschender Wirkung war der Missbrauch  vorprogrammiert.

Meth verleiht ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, unterdrückt Müdigkeit, Hunger und Schmerz. Kein Wunder, dass der Stoff im 2. Weltkrieg zum absoluten Verkaufsschlager wurde. Die kriegstreibenden Eliten ließen Massen an Philopon herstellen und verteilten es an Waffenfabrikarbeiterinnen, ausgehungerte Stadtmenschen oder Kamikazepiloten. Eine ganze Nation wurde auf Amphetaminen durch einen aussichtslosen Krieg gepeitscht. Wie auch in Deutschland: Hier wurde Meth unter dem Namen Pervitin vertrieben – in Pralinen für Hausfrauen oder als Stuka-Tabletten für die Frontsoldaten. Und – wen wunderts – auch Hitler soll sich regelmäßig ein Näschen Größenwahn gegönnt haben.

Kraftfutter für den Wiederaufbau

Nach dem 2. Weltkrieg waren Japans Großstädte, Infrastruktur und Industrie fast vollständig zerstört. Es gab kaum Lebensmittel, dafür aber Tausende von Menschen, die durch den jahrelangen Speedkonsum abhängig geworden waren. Zum Glück hatte der Megakonzern Dainippon Sumitomo Pharma in Kriegszeiten mehr als eine Tonne Philopon hergestellt. Das wurde jetzt wieder großzügig an die Hungernden verteilt – als Kraftfutter für den Wiederaufbau. Gegen Cannabis jedoch gingen die US-Besatzer mit aller Härte vor. Hanf wuchs zu dieser Zeit überall am Wegesrand und wurde zur Herstellung ritueller Gegenstände bei Shintozeremonien, von Kleidung oder für medizinische Zwecke verwendet. Damit war es nun vorbei. Anfangs beschriebene drakonische Bestrafung bei Drogenvergehen basiert auf jenem Cannabis-Verbotspaket von 1948. Offiziell sorgte sich die Oberste Heeresleitung um die in Japan stationierten Soldaten, die durch das allgegenwärtige Rauschkraut in Versuchung geraten könnten. Hanfaktivisten deuten das Verbot jedoch als Lobbyarbeit, als weiteren Schritt in der systematischen Verteuflung der Nutzpflanze zum Schutz der US-amerikanischen Papier- und Synthetikfaser-Textilindustrie.

Die Yakuza übernehmen den Markt

Ende der Vierziger dämmerte den Regierenden, dass ihr Wiederaufbau auf Speed schlimme Nebenwirkungen hatte: Die Organe werden durch das Gift zersetzt. Weil dem Körper außerdem Kalzium entzogen wird, werden die  Knochen brüchig und die Zähne faulen aus. Viel schlimmer jedoch waren die aggressiven Ausbrüche der Methheads. Der dauerhafte Konsum der Droge löst nämlich paranoide Wahnvorstellungen bis hin zu Schizophrenie aus.

Hals über Kopf wurde deshalb bis 1955 eine Reihe  Aufklärungskampagnen gestartet, um die Meth-Epidemie in den Griff zu bekommen. Aber der Markt für Wachmacher war da, und Japans Wirtschaft setzte gerade zum großen Tigersprung an. Das brachte die japanischen Verbrechersyndikate, die Yakuza, ins Spiel. Philopon war zwar verboten, aber es kam unter dem Slangwort Shabu zurück. Als die ersten illegalen Meth-Labore geschlossen wurden, verlagerte die Yakuza die  Produktion aufs Festland und schmuggelte die Drogen anschließend wieder zurück ins Land. Bis heute ist Shabu die am weitesten verbreitete Droge in Japan. Andere Substanzen hielt die Yakuza, die sich selbst gerne als Anwalt der Bürger in illegalen Fragen darstellt, vom Markt fern.

Letztlich spielt die krasse Kriminalisierung und Pauschalisierung von Drogen in Japan den Verbrechern Unsummen in die Tasche. Drogen sind dort so teuer wie kaum anderswo. Die „japanische Mafia“ bezieht heute etwa 43 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Aufputschmittelhandel und verdient daran jährlich geschätzte 3,38 Milliarden US-Dollar. Und auch der Todeskult AUM-Shinrikyo, der für den Saringasangriff auf die Tokioter U-bahn verantwortlich gemacht wird, finanzierte seinen Krieg gegen die japanische Gesellschaft unter anderem über Drogenlabore in Übersee. Für diejenigen, die sich ohnehin nicht scheuen, das Gesetz zu übertreten, hat sich eine lukrative Einnahmequelle aufgetan.

Drugs are for Losers. Don’t do Drugs in Japan!

Japans Anti-Drogenpolitik ist so drakonisch, weil sich das Land vor Jahrzehnten selbst auf Entzug gesetzt hat. Bei der Bewertung des Strafmaßes darf man aber auch nicht übersehen, das Japan im allgemeinen ein sehr verregeltes Land ist und dort nicht zimperlich mit denen umgegangen wird, die sich nicht an die gesellschaftlichen Eckpunkte des Zusammenlebens halten. Zum Beispiel ist in Großstädten in vielen Straßen das Rauchen ganz verboten, und wer noch ein Feierabendbierchen zischen will, nimmt danach lieber die Bahn, denn in Japan gilt die Null-Promillegrenze.

Trotz der harten Strafen steigt auch in Japan der Drogenkonsum. Vor allem immer mehr junge Leute nehmen regelmäßig Meth und Partydrogen wie Ecstasy. Auch der illegale Anbau von Cannabis in kleinen Hausplantagen boomt, ebenso wie Spice-ähnliche Grasersatzdrogen, von denen schneller neue Sorten auf den Markt kommen als die Regierung ihre Verbotsliste updaten kann.