Lost Places in Japan

Lost Places in Japan

Lost Places in Japan

Lost Places – Geisterstädte, verlassene Freizeitparks und Industriebrache – locken Urban-Explorer aus aller Welt in die Sperrgebiete Japans. Im Internet veröffentlichen sie Fotogalerien, Videos und Berichte ihrer Ausflüge.

Wie ein gewaltiger Wellenbrecher aus Beton ragt die Gunkanjima (Schlachtschiffinsel) unweit der Hafenstadt Nagasaki aus dem Meer. Die Minenkolonie Hashima war einst einer der dicht besiedeltsten Orte der Welt. Heute ist die Insel menschenleer. Meistens jedenfalls. Denn solche Lost places ziehen Japans Hobby-Ruinenforscher an. Haikyoing, nennen die Urban Explorer ihr nicht ganz ungefährliches Abenteuer, denn ein Besuch der maroden Gemäuer kann leicht auf dem örtlichen Polizeirevier oder im Krankenhaus enden. Vorausgesetzt natürlich, man hat überhaupt jemanden dabei, der einen dort hinbringen kann.

Insta-Goldgrube Haikyoing

Verlassene Dörfer, Freizeitparks und Industrieanlagen gibt es in Japan aber unzählige. Auf aktuellen Landkarten und bei Google-Maps haben sie längst aufgehört, zu existieren. Wer aber durch ein Loch im Zaun steigt, fühlt sich, als würde er durch den Bilderrahmen eines vergilbten Fotos in die Vergangenheit reisen, um dort ein Geheimnis aus alter Zeit zu lüften. Solche Entdeckungstouren werden dann im Netz mit reichlich Hintergrundinfos dokumentiert – und auch extrem gern geklickt.

Inzwischen bietet deshalb auch die japanische Tourismusindustrie Erlebnisreisen in die beliebtesten Geisterstädte an. Wer sich also bei seinem Japan-Besuch einen Blick auf verfallene Dörfer und Industrieruinen mit einem ordentlichen Schuss Silent-Hill-Romantik gönnen will, für den folgen hier einige Tipps, Blogs und Fotogalerien zur Tourplanung in Reisegruppen oder auf eigene Faust.

Battle Royal auf der Schlachtschiffinsel Hashima

Die Königin der Geisterstädte ist mit Abstand die verlassene Insel Hashima, wegen ihrer Sihouette auch Schlachtschiffinsel genannt. Das Endzeitszenario des Ruinenlabyrinths lockte schon Film- und Videospieleindustrie auf das Eiland. Takeshi Kitano drehte hier seinen Battle Royal und auch Skyfall-Bond-Bösewicht Raoul Silva nutze Hashima als Schlupfwinkel. Außerdem wurde die Stadtarchitektur für Leveldesigns des 3D-Shooters Killer Seven übernommen.

Seit 1916 beutete Mitsubishi die Kohlevorkommen Hashimas aus, errichtete dafür sogar eine komplette Arbeitersiedlung auf der Insel. Während des 2. Weltkriegs wurden die einheimischen Kumpel durch Zwangsarbeiter aus Korea und China ersetzt, die sich hier totschufteten. Mindestens 1.300 Leichen wurden damals einfach in der See versenkt oder in den Tunnelschächten tief unter dem Meeresspiegel verscharrt.

Nach dem Krieg wurde die Insel dann zum Vorzeigeobjekt der japanischen Modernisierung. Durch Aufschüttungen an den Küsten (Umetatechi) erreichte die Insel zuletzt eine Ausdehnung auf 6,3 Hektar. Kindergärten, Badeanstalten und andere Freizeitangebote entstanden auf den Dächern über den Betonschluchten und bis tief in den im Untergrund bildete sich eine städtische Infrastruktur – alles im Besitz von Mitsubishi. Anfang der Sechziger wurde eine Bevölkerungsdichte von 83.476,2 Einwohnern pro Quadratkilometer festgestellt – einer der höchsten jemals aufgezeichneten Werte.

Adventure Time gleich mitbuchen

1974 war plötzlich alles vorbei: Die Grube wurde von einem Tag auf den anderen geschlossen. Die Arbeiter mussten die Insel so überstürzt verlassen, dass heute noch komplett eingerichtete Wohnungen erhalten geblieben sind. Mitsubishi verbot das Betreten und  Gunkanjima wurde zur Geisterinsel. Außer einigen Schnappschussjägern und abenteuerlustigen Jugendlichen traute sich 35 Jahre lang fast niemand mehr, Hashima einem Besuch abzustatten. Inzwischen hat der Konzernriese die kleine Insel an die Stadt Nagasaki abgetreten. Von hier aus werden  Inselumrundungen mit dem Motorboot angeboten. Seit 2009 sind zudem Teile der Insel wieder begehbar.    

  • Hashima-Fotoserien – auch zum Leben auf der Insel vor 1974 – gibt’s von Saiga Yuji
  • Wahnsinns Bilder und einen tollen Bericht zum heimlichen Absteher nach Hashima gibt’s bei Gakuran.

Die Spooky-Pools von Osarizawa

Die verlassene Osarizawa-Kupfermine befindet sich in der Nähe der Stadt Kazuno in der japanischen Präfektur Akita. Für Touristen gibt’s hier ein Bergbaumuseum und die 800 Meter lange Geisterbahn „Mineland“ in der Touristen von Loren aus Aliens mit Laserkanonen abballern können.

Echte Haikyo-Fans sollten abseits der Tour über die Steinröhren den Berg in den interessanteren Bereich der Raffinerie hinaufsteigen. Dort gibt es leuchtendblaue Pools vor der einer Ruinenkulisse, die an einen Tempel erinnert. Früher wurde hier jährlich eine Millionen Tonnen Kupfer abgebaut, in den Pools raffiniert und auf eigens hierfür verlegten Eisenbahnschienen abtransportiert. Wie im Falle Hashimas wurde der Ort aufgegeben, als die Mine ausgebeutet war. Auf dem Gelände gibt es  etliche Verschläge, Leitungen, Röhren, Tunnel, Schlote und Mineneingänge zu entdecken. Über 800 Kilometer Schächte haben die Bergleute in 1.300 Jahren Kupferabbau mühsam in den Berg getrieben. In die Höhlenwände gehauene Kreuze zeugen davon, dass sich hier einst japanische Christen vor Verfolgung versteckten.

Detaillierte Karten der Tunnelsysteme existieren übrigens keine, also vorsichtig sein beim Erkunden: Ihr wisst, was mit Tom und Hucks Angstgegner Indianer-Joe passiert ist!    

Ashio: Durch Umweltverschmutzung zur Geisterstadt

Ashio oder Ashiodozan in der Präfektur Toshigi ist aus zwei Gründen ein super Haikyoing-Ziel: Das Betreten der kompletten Stadt, samt Kupferraffinerie und Bahnhof, ist auf eigene Verantwortung erlaubt. Außerdem ist dieser Ort wie kein anderer (mit Ausnahme natürlich der Gegend um Fukushima) von Tod und Unglück der vergangenen Jahre gezeichnet, denn Ashidozan wurde durch eine Umweltkatastrophe zur Geisterstadt.

1853 waren Kanonenboote der Amerikaner vor Japan aufgetaucht, um die Öffnung des Landes für den Welthandel zu erzwingen. Die Regierung in Tokyo fürchtete, Japan könne ebenso wie inzwischen ganz Ost- und Südostasien zumindest in Teilen kolonialisiert werden und peitschte mit Beginn der Meiji-Ära (1868 bis 1912) Industrialisierung und die aggressive Territorialerweiterung in den Nachbarstaaten voran. Der Schlüssel hierzu war der Handel mit Edelmetallen, vor allem Kupfer. Umweltschutz spielte zu dieser Zeit natürlich überhaupt keine Rolle. Umso mehr aber Orte mit reichen Vorkommen, wie Ashiodozan.

Da wächst kein Gras drüber

Beim Raffinieren von Kupfer entsteht nicht nur giftiger Rauch sondern auch Unmengen an schwefelsäurehaltigem Wasser. Schon in den 1880er und 90er Jahren richteten diese Nebenprodukte in Ashio irreparable Schäden an. Die Bäume sind bis heute entlaubt und abgestorben. Als es nach heftigen Regenfällen im Jahr 1896 außerdem zu Überschwemmungen kam, die die Ackerfläche in der gesamtem Umgebung mit giftigen Abwässern der Mine fluteten, wurde das Land für immer unbrauchbar.

Und in diesem Stil wurde hier bis vor Fünfzig Jahren noch geschürft und veredelt. Kein Wunder also, dass in diesem kontaminierten Landstrich mit der Aufgabe der Mine kein Mensch mehr wohnen blieb. Für Ruinenforscher lohnt sich der Besuch aber umso mehr.

Japans verlassene Freizeitparks

Nicht nur die verarbeitende Industrie hat in Japan bessere Tage gesehen. In den Wirtschaftsboomjahren entwickelten die Japaner ein ganz neues Freizeitgefühl.

Die Golden Weeks wurden nach dem 2. Weltkrieg zur Zeit des Wirtschaftsbooms eingeführt. Diese Urlaubswochen liegen in der beliebtesten Jahreszeit, mit zuverlässig gutem Wetter aber noch nicht zu hohen Temperaturen. In dieser Zeit wird die japanische Arbeiterschaft geschlossen in den Urlaub entlassen. Familien nutzen diese zu Kurztripps durch das eigene Land. Dadurch entstanden gerade an Orten, die Touristen sonst wenig zu bieten haben alle nur erdenkliche Arten von Themen- und Freizeitparks.

Jetzt ist Schluss mit lustig

Viele der Parks sind jedoch trotz anfänglich guter Besucherzahlen schnell pleite gegangen. Nicht zuletzt auch, weil die Japaner in den letzten 20 Jahren zwei heftige Wirtschaftskrisen zu verdauen hatten. In den meisten Fällen hat sich der Abtransport von Bauteilen, Fahrgestellen oder Automaten scheinbar nicht gelohnt.

Und da die Grundstücke meist weit außerhalb der Städte liegen, haben selbst Baulöwen kein Interesse daran, das sonst so kostbare Land anderweitig zu nutzen. Ob Dschungelpark, Wasserspass-Paradies, Russlanddorf oder ein Nachbau von Liliputh samt gigantischem Gulliver, alles steht heute leer und wartet nur darauf entdeckt zu werden. Zur Planung gibt es die wirklich umwerfenden Fotoserien aus den coolsten Batman-Schurken-Verstecken Japans von Michael John Grist.

Japans Tiere auf Rückeroberungskurs

Japans Tiere auf Rückeroberungskurs

Seit die Industrialisierungswelle der Meiji-Restauration (1868) über Japan hinwegfegte, sind wirklich naturbelassene Fleckchen zu einer absoluten Rarität geworden. Schlecht für die üppige Fauna des Insellandes, deren Lebensraum dadurch immer weiter zusammenschrumpft. Mittlerweile haben sich einige Spezies  an die Veränderungen gewöhnt und damit begonnen, verlorenen Boden zurückzuerobern.

Krähen-Invasion in Japans Großstädten

Die bekanntesten tierischen Reconquistadoren Japans sind die Großstadtkrähen. Überquellende Abfalleimer und Berge von Hausmülltüten haben sie aus dem Dschungel in die Millionenmetropolen gelockt. Dort hausen sie seitdem in den Parkanlagen und machen keinerlei Anstalten, diese je wieder zu verlassen. Rabenvögel haben ohnehin den Ruf, besonders gelehrige Tiere zu sein. Doch die japanische Spezies setzt in puncto Intelligenz und Anpassungsfähigkeit eigene Maßstäbe.

Das liegt wohl vor allem am gestiegenen Höchstalter der Vögel. Das milde Stadtklima, ganzjähriger Nahrungsüberschuss und fehlende Feinde haben dafür gesorgt, dass die Krähen immer älter werden. Da sie in Klanen leben, geben sie ihre Lebenserfahrung an die jüngeren Generationen weiter. So hat sich unter den Vögeln beispielsweise rumgesprochen, dass Autos an  Ampeln halten müssen. Deshalb platzieren sie während der Rotphase gezielt Nüsse auf dem Zebrastreifen und warten bis Autos über die harte Schale hinwegsausen. Im Schutze der grünen Fußgängerampel picken die Vögel dann seelenruhig das erwünschte Innere auf.

Frühjahrsflegelmonate

So weit, so toll: Allerdings entwickelten sich die schlauen Vögel den letzten Jahrzehnten zu einem Problem für die Großstadtbewohner. In den Frühjahrsmonaten, der Brutzeit der Vögel, häuften sich Angriffe auf Katzen und Hunde, an deren Futterschalen sich auch die Krähen gerne bedienen. Ebenso gibt es Angriffe auf Parkbesucher, vornehmlich Kleinkinder mit Süßigkeiten. Aus den Freiluftgehegen des Tokioter Zoos sollen sogar Erdmännchen verschleppt worden sein.

Autobesitzer klagen außerdem über Lackschäden durch Nussbewurf und gestohlene Scheibenwischergummis, die die Schwarzgefiederten für den Bau ihrer Nester verwenden. Noch beliebter ist hierfür das  Isolationsmaterial der Internetleitungen, die wegen der häufigen Erdbeben in Japan alle oberirdisch verlegt werden. Im Jahr 2006 kam es  in über 7.000 Fällen zum Zusammenbruch der Internet-Anschlüsse in Haushalten und Büroräumen, weil Raben die Leitungen zerstört hatten.

Schlaue Krähen mit Cold War-Tricks

In Kagoshima versuchte deshalb das Team der Kyushu Electric’s Facilities Safety Group die Vogelnester zu entfernen, um den Nachwuchs und damit das Problem einzudämmen. Doch die Krähen begannen einfach mehrere Nester parallel zu bewohnen – ein auffälliges, dass die Beamten entfernen konnten, und einen gut versteckten zweiten Horst zur Aufzucht der Jungen. Den selben Trick hat der wirklich relevante russische Geheimdienst GRU angewandt, um jahrzehntelang im Hintergrund des KGB die Fäden zu ziehen.

In Tokyo gründete der langjährige Gouverneur der Präfektur, Ishihara Shinobu, 2001 das Crow Management Project Team und erklärte den Vögeln den Krieg. Ein Netzwerk aus Fallen wurde gelegt, aber für jeden gefangenen Vogel rückte mindestens einer aus den Wäldern nach. Das Problem dabei ist, dass die Population der Tiere solange ansteigt, bis  nicht mehr genug zu fressen für alle da ist.  Deshalb wurde die Bevölkerung aufgerufen, die Fütterung der Vögel einzustellen und ihren Müll in gelben Tüten (Krähen können die Farbe gelb nicht sehen) unter speziellen Netzen zu fixieren. Trotzdem durchstießen die Vögel mit ihren Schnäbeln stichprobenartig die Tüten und zogen die Essensreste durch die  Maschen heraus. Bislang scheint gegen die Vögel kein Kraut gewachsen zu sein. Zum Glück aber haben die japanischen Behörden erkannt, dass die Menschen Verursacher des Problems sind und tüfteln an alternativen Methoden der Abfallsentsorgung statt die Tiere mit Giftködern zu bekämpfen.

Aber nicht nur Krähen lockt das Müllbuffet in menschliche Siedlungen: Immer wieder brechen Wildschweine, Tanukis, Füchse, Makakenaffen oder Schwarzbären in Häuser ein, fressen sich den Bauch voll und legen im kühlen Hausflur ein Nickerchen ein. Was in Nachrichtenmagazinen recht drollig wirkt, endet für die gefährlichen Waldbewohner jedoch oft tragisch. In Japan kahm es in den vergangenen zehn Jahren zu über 1.600 Einsätzen, bei denen Kragenbären gefangen und in die Berge zurückgebracht werden mussten. In vielen Fällen wurden die Tiere aus Sicherheitsgründen erschossen.

Nara: Mit Shika-Hirschen im Späti

Es gibt aber auch eine Menge solcher Mensch-Tier-Geschichten, die mit einem handfesten Win-Win-Pakt enden. Wie zum Beispiel in Nara, der einstigen Hauptstadt des Landes. Dort sind etwa 1.200 Shika-Hirsche auf den Straßen rund um die Parkanlagen des Kasuga-Schrein unterwegs. Seitdem die Tiere hier auftauchten, besucheten immer mehr Touristen die Kleinstadt. Die meisten kommen vor allem, um die zutraulichen Hirsche zu füttern, zu streicheln und mit ihnen auf Erinnerungsfotos zu posieren.

Längst sind sie dadurch zum Wahrzeichen der Stadt aufgestiegen und finden sich nicht nur auf Straßenschildern, Stadtplänen oder Werbeplakaten, sondern auch für jeden „greifbar“ auf Grünflächen, den Straßen und manchmal sogar in den Kiosken. Seit man dort für 150 Yen eine Tüte Senbei (Hirschkekse) kaufen kann, stürmen immer wieder ganze Rotten in die Spätis. Die Angst vor den Menschen ist vollkommen wegkonditioniert. Tüten tragen, Geldzählen, Zeitung lesen oder den Stadtplan checken ist im Bereich der begrünten Touristen-Anzugspunkte inzwischen unmöglich geworden. Sobald es raschelt stürmen die Shika vor. Der skurrilen Situation sollte man mit Humor begegnen und sich einfach die paar Benimmregel für den Umgang mit den hungrigen Tiere zu Herzen nehmen. Letztlich fordern die Shika auch nur den menschlichen Teil der Abmachung ein: Futter für Fotos.

Tashirojima: Seit über 400 Jahren ein Katzenparadies

Ein bisschen weniger stressig ist da wohl der Besuch der Katzeninsel Tashirojima. Die liegt etwa 15 Kilometer vor dem Hafenstädchen Ishinomaki in der Präfektur Miyagi und hat nicht mehr als 100 Einwohner. Jüngstes Gemeindemitglied ist ein Mann in den frühen Vierzigern, die meisten sind schon weit über 60 Jahre alt. Keine Nachwuchsprobleme hingegen haben die Katzenhorden, die die Insel zum Publikumsmagneten für Touristengruppen gemacht haben.

Fast täglich setzen vor allem Familien mit der Fähre „Mermaid“ über, um dann durch ein Meer von Mietzen zu waten. Die Japaner sind der Auffassung, dass Streuner füttern Glück, Wohlstand und Gesundheit bringt. Daher sind die Katzen Tashirojima gut genährt – so gut, dass sie es nicht nötig haben zu betteln oder sich zu bekämpfen. Nur wenn die Fischer in den Hafen zurückkehren, wartet die ganze Bande ungeduldig auf der Kaimauer.

Schon seit der Edo-Zeit (1603-1868) machen Katzen den Großteil der Inselbevölkerung aus. Damals wurden auf Tashirojima Seidenraupen für die Kimonoherstellung gezüchtet. Die Tiere hatten die Aufgabe, Engerlinge vor räuberischen Ratten zu beschützen. Als später der Standort aufgegeben wurde, blieben sie allein mit einer handvoll Fischer auf der Insel zurück. Der Legende nach soll einmal ein Fischer aus Ungeschicklichkeit eine Katze getötet haben. Aus Mitleid errichtete er auf der Insel einen Gedenkschrein, der sich inzwischen zur Pilgerstätte für Katzenleibhaber entwickelt hat.

Neben dem Schrein gibt es auf Tashirojima sage und schreibe 51 Steinmonumente in Katzenform zu entdecken. Wer sich nicht von den rührigen Dachhasen trennen kann, übernachtet einfach in einem der Hotels, die der Manga-Künstler Tetsuya Chiba in den 80ern entworfen wurden. Für Hunde ist das Betreten der Insel übrigens strengstens verboten.

Kuschel-Tsunami auf Ōkunoshima

Ein ähnliches Erlebnis, aber mit Löffelohren und einer unglaublich rührenden Entstehungs-geschichte gibt es in Okunoshima. Auf der kleinen Insel in der Seto-Inlandsee, etwa drei Kilometer vom Festland entfernt, leben auf kleinstem Raum etwa 300 Kaninchen. Besonders toll daran: Die Langohren sind die Urenkel entkommenener Versuchstiere, denn die Insel war im 2. Weltkrieg Standort einer streng  geheimen Chemiewaffenfabrik. Seit 1938 wurde Okunoshima militärisches Sperrgebiet, damit in der alten Fischkonservenfabriken Senfgas hergestellt werden konnte. Weil von Ratten eine erhöhte Seuchengefahr ausgeht, wurden Hasen als Versuchsobjekte benutzt.

Kurz vor der Kapitulation Japans zogen sich die Militärs Hals über Kopf zurück und sprengten die Produktionsanlagen. Den Betreuern der Versuchtiere trugen sie auf, alle übrig gebliebenen Hasen umzubringen, was diese aber zum Glück nicht taten. Seitdem sind die Langohren die heimlichen Herrscher der Insel. Für einen Besuch im Giftgasmuseum wird wohl kaum jemand extra nach Okunoshima kommen. Dafür aber, um mit hunderten von Hasen um die Wette zu rennen.

Jigokudani: Mit Schneeaffen im göttlichen Badezuber

Jigokudani, das Höllental in den Bergen Naganos, ist ein beliebtes Reiseziel für Kur-Urlauber, die sich in den heissen Quellen (Onzen) unter freiem Himmel entspannen wollen. Solche sind der Legende nach ein Geschenk der Götter an die Bewohner Japans und zur Entspannung oder Krankheitslinderung gedacht. Die Bergmakaken des Höllentals haben Kurgästen bei ihren Baderitualen zugeschaut und die Vorteile dieser niemals versiegenden Wärmequelle für sich entdeckt.

In den Wintermonaten, wenn die Nahrung der Affen knapper wird und unter zentimeterhohen Schneemassen begraben liegt, müssen die Tiere ihren Energieverbrauch möglichst niedrig halten. Das erreichen sie durch ausgiebige Badeorgien. Abwechselnd besetzen die verschiedenen Makakenklane jene göttlichen Geschenke. Der Kurort Jigokudani ist dadurch um eine Attraktion reicher geworden. Ins Höllental kommen dadurch heutzutage mehr Badegäste denn je. Für die Affen haben die Betreiber der Bäder inzwischen allerdings eigene Becken angelegt – damit sich die Menschen und ihre nächsten Verwandten im Tierreich nicht zu nahe kommen müssen.

Mehr zum Thema

  • Bei „amusing planet“ gibt’s noch ein paar tolle Bilder von der Katzeninsel Tashirojima.
  • tofugu“ hat hierzu noch einige Reiseberichte, mit Videos auf seiner Seite.

Bildquellen:

Titelbild: Makaken von Jigokudani: Foto by yosemite – commons.wikimedia.org zu finden unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jigokudani_hotspring_in_Nagano_Japan_001.jpg

Japans heiligen Berg besteigen

Japans heiligen Berg besteigen

Fujisan nobori: Japans heiligen Berg besteigen

Jeder Japaner, so heißt es, sollte einmal in seinem Leben den höchsten Berg des Landes bestiegen haben. Und jeder, der die 3776 Höhenmeter über Vulkanasche-Wege bis zur Spitze des Fuji herauf gewandert ist, beteuert, sich dieser urjapanischen Herausforderung erneut stellen zu wollen. Am Aufstieg Gescheiterte tun dies natürlich auch – nur leiser.

Nichts, außer vielleicht dem Kaiserhaus, hat für die Japaner einen so nationalsymbolträchtigen Charakter wie ihr heiliger Berg Fuji. Der nahezu vollkommen symmetrische Vulkankegel ist deshalb auch das beliebteste Motiv der dortigen Dicht- und Bilderkunst. Nicht auszudenken, wenn der irgendwann mal wieder ausbricht und dadurch seine Form verliert. Das könnte aber jederzeit passieren, denn der Fuji ist aktiv und seit Jahren überfällig. Auf Ukiyoe-Holzschnitten ist er so allgegenwärtig, dass man glaubt, ihn von jedem beliebigen Punkt in Japan sehen zu können. Was aber leider nicht stimmt. Selbst im 100 Kilometer entfernten Tokyo kann man den Fuji nur bei besonders klarem Himmel sehen. Deshalb sollte jeder, der eine Zeit in Japan verbringt, zumindest in die Wälder am Fuße des Fuji pilgern und zum Gipfel raufschauen.

Fujisan oder Fujiyama?

Die meiste Zeit des Jahres ist der Gipfel mit Schnee bedeckt. Mit Beginn der Wandersaison vom 1. Juli bis zum 31. August zeigt er dann sein gesamtes Farbspektrum, von tiefschwarzem Gestein im Tal bis hin zu seiner normalerweise nicht sichtbaren dunkelroten Spitze. Die Japaner nennen ihn deshalb auch den „Akafuji„, den roten Fuji. Seine im Westen gängige Bezeichnung „Fujiyama“ verdankt der Berg übrigens einem Übersetzungsfehler der ersten Stunde interkulturellen Austausches.

Japanische Bergnamen werden häufig mit der Endung „san“ oder „yama“ versehen. Beides bedeutet einfach nur Berg oder Gebirge, ersteres ist die sino-(chinesisch-)japanische Lesung für das Schriftzeichen (山), die zweite die rein japanische. Die Regeln wann, welche Lesung benutzt wird, sind relativ simpel. Aber gerade bei Orts- und Personennamen gibt es so viele Ausnahmen, dass man spezielle Fachlexika braucht. Das „san“ bei „fujisan“ hat aber nichts mit Berg-Schriftzeichen zu tun und da liegt der Fehler.

Der Fuji wird als Sitz verschiedener Gottheiten angesehen und deshalb mit dem Suffix „-san“ bedacht, im Sinne von „ehrwürdiger Fuji“. So macht man das im Japanischen auch mit Familien oder Vornamen – Karate-Kid-Kennern dürfte dies bekannt vorkommen ;) Kein Wunder also, dass hier der eine oder andere Übersetzungspionier durcheinander gekommen ist.

Träume vom Steigen

Bis 1838 durften Frauen den heiligen Berg gar nicht erst betreten. Nur Mitgliedern der Sengen-Sekte, die auch heute noch die Bergsteige-Saison offiziell eröffnet, war dies erlaubt. Heute wagen jeden Tag Tausende die ganztägige Bergwanderung, sogar wir Langnasen aus Europa lassen sich das Abenteuer nicht entgehen. Ich muss immer lachen, wenn ich an den Japaner denke, der vollkommen erschöpft mit Wanderstirntuch um die Ecke einer Felsnase auf dem Gipfel ankam und in meine Richtung meinte: „Das gibt’s doch nicht? Herr Ausländer ist auch schon da.“

How to mount Mount Fuji

Es gibt zur Zeit vier traditionelle Routen, auf denen man sich den Weg zur Spitze bahnen kann. Da der Gipfel ganz ohne Steigeisen und Seile, also einfach nur erwandert werden kann, sollte man sich bei der Auswahl des Startpunktes eher daran orientieren, zu welcher Zeit man mit der Besteigung beginnt. Je nachdem, ob man lieber im Schatten oder in der prallen Sonne wandern will. Viele starten auch mitten in der Nacht, um sich den Sonnenaufgang über den Wolken anschauen zu können.

Der Fuji ist in 10 Wanderabschnitte eingeteilt, die von 1 im Tal bis 10 auf der Bergspitze durchnummeriert sind. Da sich der Vulkankegel nur ganz allmählich an seinem Fuße erhebt, starten die meisten Besucher am Parkplatz des 5. Abschnitts, der bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Hier bietet sich übrigens für längere Zeit die letzte Chance sich zu erfrischen, etwas einzukaufen oder vor allem eine Toilette zu benutzen. Früher gab es zahlreiche Kioske auf dem Weg nach oben, die jedoch nach und nach verschwanden.

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Flaschensammler heraufspaziert!

Die Japaner hätten gerne, dass der Fuji zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wird. Die haben aber zurecht abgelehnt und gesagt, dann schafft erstmal den ganzen Wandermüll und Bauschutt weg, wenn euch der Berg so am Herzen liegt. Und das ist wieder so eine Sache die die Japaner so sympathisch macht: Die meisten Leute nehmen zum Bergstieg eine Mülltüte mit und sammeln – und das, obwohl auf dem ganzen Weg vom Parkplatz bis zum Gipfel keine Mülleimer gibt, die Tüten sogar am Ende mit dem Auto mitgenommen werden müssen, weil nicht mal auf dem Parkplatz eine Tonne steht.

Im Durchschnitt dauert der Aufstieg vom Parkplatz am 5. Abschnitt etwa sechs Stunden. Allerdings gibt der Boden, auch auf den Wanderwegen, bei jedem Schritt ein wenig nach, so als würde man auf Katzenstreu oder Kieselstrand gehen. Das ist extrem kräftezehrend.

Außerdem wird die Luft in höheren Lagen (ab 2.500 Metern) dünner, was bedeutet, dass mit jedem Atemzug weniger Sauerstoff als gewohnt aufgenommen wird. Dadurch besteht die Chance, höhenkrank zu werden. Bei Symptomen wie Übelkeit, Schwindelgefühlen und gelber Hautfärbung also echt vernünftig sein, mal ausruhen und schauen, ob man nicht doch lieber umkehren sollte.

Auf der Höhe des achten Abschnittes gibt es eine Rasthütte, in der man sich mit heißer Nudelsuppe, Schokolade oder einer Ruhepause in den Schlafkojen regenerieren kann. Ich hab zwei Muskelriegel und stolze neun Mini-Snickers gegessen und weg war der Schwindel. Wenn dem aber nicht so ist, das Abenteuer lieber auf einen anderen Tag verlegen. Im schlimmsten Fall kann man an der Höhenkrankheit (japanisch Kousanbyou) sterben.

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Fuji-Marathon: Von Joggern überholt

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Während man alle Kraft zusammen nimmt, um die Aschewege hoch zu stolpern, wird man andauernd von Leuten überholt, die den Berg hoch joggen als würden sie auf dem Sportplatz ihre Runden drehen. Nicht demotivieren lassen, die meisten von ihnen sind japanische Jieitai-Soldaten und trainieren für den alljährlichen Fuji-Marathon. In den vergangenen Jahren kamen die Sieger dieses Sportereignisses fast ausschließlich aus den Reihen der nicht ganz unumstrittenen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Umstritten, weil Japan laut Artikel § 9 der Nachkriegsverfassung auf das Unterhalten einer eigenen Armee verzichtet. Militärischer Schutzherr mit stationierten Soldaten in Okinawa ist die USA. Aber die geographische Nähe zu den kommunistischen Schurkenstaaten Asiens war ein klasse Argument für Japans Konservative, zumindest Selbstverteidigungsstreitkräfte (Jieitai) zu unterhalten. Der japanische Militäretat ist mittlerweile der dritthöchste der Weltwelt und Premier Abe  träumt von Kernwaffen – zur Selbstverteidigung versteht sich. Zum Glück lösen solche Aussetzer immer wieder heftige Bürgerbewegungen aus.

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Ein Postamt am Ende der Welt

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Nach dem achten Bergabschnitt wird der Untergrund allmählich fester und der Aufstieg geht steiler über gigantische Stufen bis herauf zum Gipfel. Hier kann man stellenweise noch große schneebedeckte Flächen sehen. Am Ziel muss man nur noch durch ein Shinto-Tor (Toori) an der verlassenen Gipfel-Jugendherberge vorbei und „Erklommen der Fuji-san ist“.

Von hier hat man einen erhebenden Blick von oben auf die Wolken, stellenweise sogar bis ins Tal hinab. Es gibt auch einen Schrein der Orakelzettelchen verkauft und ein Gipfelpostamt, wo man eine fujisanförmige Ansichtskarte kaufen und diese stolz an Freunde und Familie in der Heimat verschicken kann. Der Abstieg geht dann deutlich leichter von den Füßen. Spätestens auf Höhe der achten Station kann man dann neben den Serpentinenwanderwegen auch über die Furchen der Raupentransporter ins Tal steigen. Die kann man mit Siebenmeilenstiefel-Riesenschritten herunterrasen um zumindest einen Teil des Wege zum Heimatmobil abzukürzen.

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Vorsicht mit Fuji-Schicksalssteinen

Wer ein paar der roten Vulkansteinchen als Andenken einpacken will, der sei hiermit gewarnt: Jene Mitbringsel bringen erwiesenermaßen Unglück.

Ein Freund von mir hat auf seiner Japanreise einen Mann aus Shizuoka kennengelernt, der ihm erzählte, er habe früher bei einer Fuji-Besteigung einige Steine mitgenommen, wohlwissentlich dass dieser Frevel ein Unglück heraufbeschwört. Zurück in Deutschland kehrte sich dessen bislang erfolgreiches und glückliches Leben ins direkte Gegenteil. Seine kleine Firma ging pleite und die Situation zerstörte auch seine Beziehung. Als Motivation für den Neuanfang raffte er noch einmal alles Geld zusammen und reiste wieder nach Japan, um die „geraubten“ Steine auf den Fuji-san zurückzubringen. Als er nach verrichteter Arbeit herabstieg, wurde er krank und musste in ein Krankenhaus in der Umgebung eingeliefert werden. Dort verliebte er sich in eine Pflegerin. Die beiden heirateten, bekamen Kinder und leben heute noch zusammen in Japan.

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Kann nicht passiert sein? Ich finde, es gibt Geschichten, die es einfach wert sind, geglaubt zu werden. Ob die Steine nun Schicksalsbringer ist natürlich fraglich. Sicherlich soll diese Abschreckungsmär den Fuji vor systematischen Abtragung bewahren. Auch ich habe damals unwissentlich einige Steine mitgenommen und bis heute ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich meinen „Glückssteinen“ auf dem Schreibtisch einen vorwurfsvollen Blick zuwerfe, wenn Emails mit schlechten Nachrichten hineingeflattert kommen.

Working Holidays auf Japans Bauernhöfen

Um Japan kennen zu lernen, muss man schon eine Zeit dort verbringen. Vor allem, wenn man die Sprache lernen will. Aber die Stipendien sind schwierig zu kriegen und Uni-Austauschprogramme nicht jedermanns Sache. Außerdem ist eben auch nicht jeder Japan-Fan Student. Nicht nur deshalb ist das Work and Travel-Projekt WWOOF hierzu eine Super-Alternative.

Über WWOOF könnt ihr bei japanischen Bauernfamilien im ganzen Land arbeiten und unterkommen – eine echte Alternative zu Praktikum und Uni-Austauschprogrammen. WWOOF steht für Willing Workers On Organic Farms und war ursprünglich ein Projekt, um die Land- und Stadtbevölkerung Englands wieder mehr zusammen zu bringen. Das Prinzip dahinter ist einfach: Für Essen und Unterkunft geht man den Farmerfamilien bei der täglichen Arbeit zur Hand und lernt sich dadurch besser kennen.  Inzwischen kann man fast überall auf der Welt WWOOFen, auch in Japan. Auch beschränkt sich das Angebot an Hostfamilien längst nicht mehr nur auf landwirtschaftliche Tätigkeiten, sondern umfasst auch Haus- und Gartenarbeit, Aushilfe in Restaurants oder kleinen Gasthöfen, Lehrtätigkeiten wie Sprachunterricht und vieles mehr.

Wer kann WWOOFer werden?

Mitmachen kann eigentlich jeder, vorausgesetzt man ist mindestens 16 Jahre alt. Es spielt aber keine Rolle, ob man Erfahrungen in dem Bereich hat, ob man allein, als Paar oder mit der ganzen Familie unterwegs ist. Einschränkungen hängen ausschließlich von der Anzahl der Übernachtungsmöglichkeiten im jeweiligen Host ab.

Allerdings darf man nicht zu blauäugig an eine solche Reise herangehen. Die Familien benötigen Helfer, die in vielen Fällen auch richtig anpacken müssen. Die nötige Motivation auch mal länger und mit Muskelkater in den Armen zu arbeiten, sollte man schon mitbringen, oder die Hoststellen dem entsprechend auswählen, beziehungsweise ausschließen.

Was muss ich tun, um Mitglied zu werden?

Anmelden kann man sich Online unter wwoofjapan.com. Der Jahresbeitrag ist keine 40 Euro. Sobald man Mitglied geworden ist, stehen einem hunderte von Host-Adressen von Hokkaido bis Okinawa zur  Auswahl.

Braucht man fürs WWOOFen ein spezielles Visum?

Nein, braucht man nicht. Das Schöne am WWOOFen ist, das man dafür nur ein normales Touristenvisum braucht, weil man zwar arbeitet, aber kein Geld ausgezahlt bekommt.

Mit dem normalen Besuchervisum, das man am Flughafen in den Reisepass geheftet bekommt, darf man drei Monate in Japan bleiben. Nach einem kurzen Besuch bei der Einwanderungsbehörde (z.B in Osaka oder Tokio) kann dieses Visum dann für etwa 4.000 Yen noch einmal um drei weitere Monate verlängert werden. Will man noch länger bleiben, reicht ein Kurztrip in eines der Nachbarländer. Bei erneuter Einreise gibt es auch wieder ein Dreimonatsvisum.  

Wer kümmert sich um die Vermittlung der Stellen?

Die WWOOF-Zentrale in Sapporo bietet zwar gute Beratung (auch in Englisch) per Mail übernimmt jedoch nicht die Vermittlung von Hoststellen. Jeder muss seine eigene Reise planen. Anfragen für einen freien Platz erfolgen in der Regel per E-Mail oder direkt telefonisch.

Es gibt keine festen Regelungen, wann man sich spätestens für seinen Wunschhost anmelden muss. Wer sich aber zu spontan entscheidet, riskiert, dass der Platz schon vergeben ist. Ich habe mich immer zwei Wochen vorher angemeldet, und mal Zu- mal Absagen bekommen. Wer auf Nummer sicher gehen will, verabredet einfach alles von Zuhause aus, ein bis zwei Monate im Voraus.

Interesse geweckt?

12.Straßenname

Ich kann WWOOFen nur empfehlen. Man muss sich halt vorher klar machen, was man in Japan erleben möchte: Ich wollte vor allem mein Japanisch verbessern, flexibel sein, viel vom Land sehen und möglichst  unterschiedliche Leute kennenlernen. Und da Sprache lernen Zeit braucht, ich aber nicht soviel Geld zusammensparen konnte, musste ich einen Weg finden, die täglichen Kosten so niedrig wie möglich halten. Dafür ist WWOOFen ideal.

Für Kneipentouren und Ausgeh-Abenteuer mit einer Horde Gleichaltriger sollte man eher auf Uni-Austauschprogramme, Praktika oder Couchsurfing  setzen. Auf dem Land ist halt nicht viel los abends. Letztlich glaub ich, dass eine Mischung aus alledem, so wie ich es auch gemacht habe, ideal ist. Mehr zu meinen WWOOF-Erfahrungen könnt ihr im Erlebnisbericht nachlesen, den ich kurz nach meiner Reise 2006 für das Japan-Magazin geschrieben habe.

Zur Grünteeernte nach Shizuoka

Da saß ich nun am Tisch einer Bauernfamilie aus Shizuoka und versuchte verschlafen mit meinen Stäbchen die Gräten vom Frühstücks-Bratfisch zu trennen. Da der Rest der Familie schon mit den Vorbereitungen für die anstehenden Arbeiten auf den Feldern begonnen hatte, versuchte ich, möglichst schnell fertig zu werden, um eine guten ersten Eindruck zu machen.  

31.Blick aus meinem Zimmer

Am Abend vorher war ich nach zweimonatigem Praktikum in Osakas Neonwelten am Bahnhof Kakegawa angekommen. Mit Yoshitsugu, einem jungen Mann in meinem Alter, der mich am Bahnhof bereits erwartete, verstand ich mich auf Anhieb blendend. Wir sprangen in seinen japanischen Kleintransporter und begannen uns über Musik- und Filmfavouriten auszutauschen, während die Fahrt über anderthalbspurige und in Serpentinen verlaufende Straßen durch stockfinstere Wälder begann. Nach anderthalb Stunden erreichten wir das Haus der Familie. Bis auf den hell erleuchteten Eingang konnte ich, egal in welche Richtung blickend, nichts erkennen.  

21.

In der Küche lernte ich die restlichen Familienmitglieder kennen. Drei Generationen unter einem Dach, wobei der Älteste, der Großvater 90 Jahre alt und Yoshitsugus kleiner Bruder mit 25 Jahren der Jüngste war. Die Familie hatte während der Annektion Koreas Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Festland Landwirtschaft betrieben. Nach Beendigung des Pazifischen Krieges waren sie auf die japanischen Inseln zurückgekehrt, um sich hier eine neue Zukunft aufzubauen. Mit einem Mix aus meinem immer noch recht holprigen Japanisch und unserer gemeinsamen Schulenglischbasis unterhielten wir uns bis spät in die Nacht. In einem siebeneinhalb Tatami großen Gästezimmer, mit Tokonoma-Schmucknische und Shoji-Papierschiebetüren, konnte ich noch gerade die wichtigsten Dinge aus meinem Koffer auspacken und mich erschöpft auf gleich zwei übereinander gestapelten Futon niederlegen, bis ich am nächsten Tag vom Lärm in der Küche geweckt wurde.

Von der Pflaumenernte und Tanuki-Räubern

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Nachdem ich mein Frühstück beendet und Arbeitskleidung angezogen hatte, ging ich nach draußen, um mit der Arbeit zu beginnen. In der Garage herrschte schon reges Treiben. Auf meine Frage, wem ich zur Hand gehen könnte, wurde ich der Mutter zugeteilt. Wir beluden den Pickup mit leeren Plastikkisten und machten uns auf in die Berge zur Pflaumenernte.
Bei den kleinsten Unebenheiten der schlecht asphaltierten Straße wurden wir hin und hergeschüttelt. Auf dem Berg angekommen begannen wir damit, die noch grünen unreifen Pflaumen zu ernten, sie in die vorgesehenen Kisten umzufüllen und auf der Ladefläche des Lieferwagens zu stapeln. Das Wetter war frühlingshaft und die Arbeit entspannend. Bis auf einen Sturz aus der Baumkrone, weil ich einer  türsteherfingerdicken Hornisse entgehen wollte, blieb mein erster Tag als Erntehelfer angenehm ereignislos. Mit vollgepackten Boxen kehrten wir zum Hof zurück und begannen die besten Pflaumen unserer Ausbeute auszusortieren, um sie nach genauem Abwiegen in Tüten zu verpacken.

30.Verpacken

Diese lieferte ich zusammen mit Yoshitsugu in den Geschäften und Kurkliniken der Umgebung aus. Nicht verkaufte Pflaumen nahmen wir wieder mit auf den Hof und übergaben sie der Großmutter, die diese nach dem Trocknen in der Sonne zu Umeboshi, einen in Japan sehr beliebten salzigsauren Pflaumensnack, verarbeitete.
Aus dröhnenden Lautsprechern, die in Japans ländlichen Gebieten überall am Straßenrand aufgestellt sind, kündigte plötzlich eine leicht abgewandelte Melodie der Big Ben in London die Mittagspause an. Nach dem Essen hatte ich noch die Gelegenheit etwas auszuruhen und mir Hof und Tiere anzuschauen.
Im Anschluss gingen Yoshitsugu und ich los, um im angrenzenden Bambushain nach jungen Bambussprossen Ausschau zu halten und diese mit der Sichel zu ernten. Mit gefülltem Korb auf dem Rücken und Moskitostichen überall dort, wo der Körper nicht durch Kleidung, Insektenspray oder die Rauchschwaden unseres tragbaren Brennkreisels geschützt worden war, kletterten wir gefolgt vom Hofhund auf den Hügel hinter dem Haus. Dort errichteten wir einen Elektozaun, um die Biwa- und Bergpfirsichbäume herum. Räuberische Tanuki hatten in den letzten Nächten großen Schaden angerichtet, indem sie die Früchte aus den Auffangnetzen oder direkt vom Baum abgefressen hatten.

Libellenschwärme über den Grünteefeldern

06.Suche nach Takeko

Als die Sonne niedriger stand, machten wir uns auf, in den Feldern mit einer halbrund gebogenen, von zwei Mann getragenen Motorsäge die zweite Grünteeernte des Jahres einzuholen. Ein Gebläse unterhalb der oszillierenden Messer beförderte abgeschnittene Teeblätter direkt in den hinten angebrachten riesigen Auffangbeutel aus Leinen. Inmitten auf der Ladefläche gestapelter Teesäcke liegend, fuhren wir zu den Lagerhallen der Teefabrik, während sich am Himmel über den Feldern dutzende von gelbleuchtenden Libellen einfanden und auf den frisch abgegrasten Büschen auf Beutefang gingen.
Mit einer Führung durch den 100 Jahre alten Teeladen von Yoshitsugus Onkel und einer Besichtigung der Teefabrik, die von den Bauern der Umgebung gemeinsam genutzt wird, endete schließlich mein erster Tag als Hilfsbauer.

15.60Kilo Teekisten

Zu Hause wartete schon ein reichlich gedeckter Tisch auf uns. Beim Essen tranken wir mit heißem Wasser verdünnten Shoju-Schnaps und tauschten hier und da lustige Geschichtchen aus unseren Heimatländern aus.
Während die Familienmitglieder nach und nach ins Ofuro (heißes Bad) und dann ins Bett gingen, setzte ich mich nach draußen auf die Veranda, um mit einer Short Hope den Tag Revue passieren zu lassen. Ich starrte in die Dunkelheit um mich herum, die meinen rechnergepeinigten Büroaugen wohl tat und lauschte dem Konzert der Frösche, bis ich mich schließlich müde auf meinem Futon niederlegte, um Kraft zu sammeln für den nächsten Tag.