J-Horror bis Rakugo: So spukt’s in Japan

J-Horror, Geisterzüge, liegen gelassene Regenschirme, die nach Rache sinnen, oder spukende Mädchen auf der Schultoilette: Gespenstergeschichten wie diese gibt es in Japan unzählige – kein Wunder, bei über 1.300 Jahren Erzähltradition. Hier gibt’s eine Auswahl der schaurigsten Geschichten, vom klassischen Spuk bis zu modernen Urban Legends.

Japan-Horror gruselt die ganze Welt

Mit ihrer Rachegeistgeschichte „Ringu“ haben Schreiber Kōji Suzuki und Regisseur Nakata Hideo 1998 Japans gewaltverwöhntes Kinopublikum das Gruseln gelehrt. Die Story ist schnell erzählt: Wer ein verfluchtes Videotape anschaut, erhält kurz darauf einen Anruf. Die Stimme am anderen Ende der Leitung verkündet, dass nun nur noch sieben Tage Zeit bleiben, das Geheimnis des Videos zu lösen. Wer das nicht schafft wird von einem Mädchengeist heimgesucht und stirbt. Nachdem Sohn und Frau eines Journalisten das Band versehentlich anschauen, beginnt für diesen ein Wettlauf mit der Zeit.

Ein toller Plot und wahnsinnig gut umgesetzt. Der Film brauchte kein großes Budget oder bahnbrechende Effekte, nur den subtilen Horror und die Tragik einer klassischen Geistergeschichte. Ringu (the ring) wurde ein Riesenerfolg und wie immer, wenn beim Film etwas gut funktioniert, gab es sofort eine Welle von Nachfolgefilmen und Plagiaten. So entstand das Genre des J-Horrors (Japan-Horror). Westliche Filmstudios adaptierten daraufhin erfolgreiche Filme, wie „the ring„, „dark water“ und „the grudge„. Alles Remakes übrigens, die ähnlich gut gelungen und sehenswert sind wie die japanischen Originale.

Kaidan: Japanische Schauermärchen

Die Story von ringu ist ohne Zweifel toll, für japanische Verhältnisse jedoch alles andere als ein Glückstreffer. Im Erfinden von Spukgeschichten sind die Japaner seit je her Meister. Genauer gesagt gibt es eine über 1.300 Jahre alte Horror-Tradition in Japans Literatur und Theaterstücken. Und durch die beiden vorherrschenden Religionen, Buddhismus und Shintoismus, ist der Geisterglaube in der japanische Kultur ohnehin festen verankert.

Beispielsweise sitzen Familien in unerträglich heißen Sommerabendstunden zusammen, um sich durch vorgetragene kaidan/kwaidan (Spukgeschichte) einen kühlenden Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen.  Zudem findet zwischen Juli und August das buddhistische Totenfest Obon in Japan statt, bei dem unzählige Laternen auf den Straßen den Ahnengeistern den Weg zu ihren hinterbliebenen Angehörigen leuchten. Dieses stimmungsvolle Umfeld ist natürlich Nährboden für immer neue Erzählungen um Dämonen und Monster (Yokai), Zaubertiere (Bakemono), Rachegeister und andere Spukgestalten.

Geisterbesuch nach 100 Spukgeschichten

Sammlungen solcher Geschichten werden in der Literatur Hyakku Monogatari genannt, was wörtlich übersetzt soviel wie „Hundert Geschichten“ bedeutet. Der Name geht auf eine Geisterbeschwörungspraxis zurück, bei der man sich in einem von einhundert Kerzen beleuchteten Raum zusammensetzt. Abwechselnd erzählen sich die Teilnehmer Gespenstergeschichten, an deren Schluss jeweils eine Kerze gelöscht wird. Mit dem Ende der letzten Erzählung erscheint den im Dunkeln kauernden Séance-Beiwohnern dann die erwünschte Geistergestalt .

Mönche mit Geistern im Gepäck

Einen anhaltenden Boom erlebten Geistergeschichten seit dem siebten Jahrhundert als auch buddhistische Lehren populär wurden. Die Mönche führten in Japan Ideen vom rastlosen Toten ein und boten gleichzeitig ihre Dienste als Vermittler zwischen Jenseits und Diesseits an. Basierend auf der Idee, dass starke Gefühle, wie Liebe und Hass, die Seelen Verstorbener an das Diesseits binden, entstanden zu dieser Zeit die ersten japanischen Erzählungen von Yūrei-Rachegeistern. Da Frauen im Konfuzianismus und Buddhismus schlecht weg kommen, wundert es nicht, dass diese Yūrei fast immer weiblich sind. Gekleidet sind sie in weiße Totengewänder, sie tragen ihr langes schwarzes Haar strähnig ins Gesicht hängend und ihre Hände baumeln wie ausgerenkt von ihren Handgelenken – aber nicht nur beim Aussehen der Hauptfigur haben sich die Macher von Ringu bedient.

Okiku und Sadako: Vom Rakugo zum J-Horror

Die Geschichte der Sadako in Ringu besteht im Prinzip aus den zentralen Elementen einer klassischen Rakugo-Erzählung, nämlich die der Dienerin Okiku in „Das Tellerhaus von Harima“.

Weil sie die Liebe des Schloßherrn von Himeji nicht erwidern will, inszeniert dieser einen Diebstahl, klagt das Mädchen an und richtete sie hin. Als Rachegeist spukt sie seitdem im Garten der Burg und steigt nachts aus dem Brunnen, in dem ihre Leiche entsorgt wurde.

Dabei zählt sie unentwegt die zehn Teller durch, von denen sie einen angeblich mitgehen ließ. Abenteuerlustige Besucher, die das Schloß nicht bis zur zehn verlassen haben, werden von der Okiku zu Tode erschreckt.

Ein Brunnen, ein ermordetes Mädchen, ein Todescountdown und ein Spuk der tödlich endet: Das hat vor 250 Jahren die Zuhörer des Ein-Mann-Rakugo-Theaterstücks gefangen und funktioniert auch heute noch bei einem internationalen Kinopublikum, wie der Erfolg von ringu gezeigt hat.

Geisterzüge bringen die Modernisierungsangst

An Märchen und Gruselgeschichten lässt sich das gesamte Spektrum zeitgenössischer Ängste einer Gesellschaft ablesen. In Japan kann man das besonders gut sehen. Als Anfang der Meiji-Zeit im Jahre 1868 die Industrialisierung auf dem Archipel begann, häuften sich bei Gleisbauern und Anwohnern Gerüchte um Sichtungen von Geisterzügen, die über die noch nicht ganz fertig gestellten Schienen durch die Nächte donnerten.

Oiwa: Spuk am Set

Eine populäre Vertreterin moderener Yūrei ist die Oiwa, die seit Jahrhunderten angeblich Bühnen und Filmsets heimsucht. Dort sabotiert sie die Vorstellungen und Proben, um die Aufführung ihrer tragischen Leidensgeschichte („Yotsuya Kaidan„) zu verhindern. Ähnlich wie bei der Unfallserie der „Poltergeist„-Filme, gibt es zu den mysteriösen Vorkommnissen bei Oiwa-Aufführungen immer die waghalsigsten Theorien.

Urban-Legends: Toilettenspuk und die schöne Fremde

Ein Yūrei-Mythos, der inzwischen schon Urban Legend-Charakter bekommen hat, ist die Geschichte der Toire no Hanako. An einigen Schulen geht das Gerücht um, dass im dritten Stock in der dritten Kabine der Mädchentoilette ein Geist umgeht. Die Kabine neben besagtem Toilettenséparéet wird gemieden. Ebenso traut sich keine Schülerin, an der meist verschlossenen dritten Tür zu klopfen. Denn wer den Zorn der Hanako heraufbeschwört wird an Örtchen und Stelle erwürgt. Eine deutlich grausamere Variante erzählt, dass Hanako um ein rotes Cape bittet. Wer ihr keines borgen will, dem reißt sie mit einem Ruck die Haut vom Rücken.

Die Legende ist etwa seit sechzig Jahren im Umlauf und ihre Entstehungsgeschichte variiert stark. In manchen Versionen ist die Hanako ein Mädchen, das im 2.Weltkrieg vor dem Bombardement Schutz in der Schultoilette suchte und dort verschüttet wurde. Auch die Variante vom sexuell missbrauchten und später ermordeten Schulmädchen ist weit verbreitet.

Die Kuchisake Onna wiederum ist ein Rachegeist, der die Jahrhunderte überdauert hat. Einst war sie eine Schönheit, die von ihrem eifersüchtigen Gatten entstellt wurde, indem er ihren Mund bis zu den Ohren hin aufschlitzte. In nebligen Nächten spricht sie vermummt Passanten auf dem Nachhauseweg an und fragt, ob diese sie attraktiv finden. Wer ihr ein Kompliment macht, dem zeigt sie ihr zerschnittenes Gesicht und wiederholt die Frage immer wieder, folgt ihrem Opfer bis vor die Haustür und schneidet ihm dort die Kehle durch.

Keine Heike-Krabben in den Topf

Natürlich können aber auch enttäuschte Männer aus Rachegelüsten zu Geistern werden. Im Jahr 1185 fand in Shimonoseki in Nordkyuushuu die „Seeschlacht von Dannoura“ statt. Hierbei vernichtete der Klan der Minamoto die Taira-Sippe.

In lauen Sommernächten berichten die Fischer der Region immer wieder von Signalfeuern und Schlachtlärm weit draußen auf dem Meer. Die Einwohner erzählen sich, dass Taira-Geister die Lebenden auf die offene See locken, dort die Schiffe kentern und die Insassen in die Tief hinabziehen.

Nutznießer dieser Mär sind die in Shimonoseki vorkommenden Heike-Krabben (Heike ist übrigens eine Lesevariante für Taira). Die Rückenpanzerstruktur der Heikegani erinnert an menschliche Gesichter. Deshalb gelten sie als als Manifestation der Heike-Geister. Aus Versehen gefangene Krabben landen niemals im Topf, sofort direkt wieder im Wasser. 

Tsukunogami: Spukender Nippes

Außerdem gibt’s japanischen Geisterspuk nicht menschlicher Form. Zum Beispiel erwachen ungenutzte oder vergessene Gegenstände zum Leben, um sich an ihren nachlässigen Besitzern zu rächen. Egal ob Regenschirme, Möbelstücke, Schiebetüren oder Musikinstrumente.

Im Volksmund heißt es, berührt man Teile seines Hab und Guts über 99 Jahre nicht, bringen sie sich als Tsukumogami-Spukgestalten wieder in Erinnerung. Wer also eine Weile in Japan verbringt, sollte sich davor hüten, den Frühjahrsputz zu verschleppen.

Seltsam, aber so steht es geschrieben!

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Spooky Matsuri: Halloween das ganze Jahr

Die Japaner übernehmen nur zögerlich den US-Exportschlager Halloween. Brauchen sie auch nicht, denn irgendwo auf den Inseln wird das ganze Jahr den Dämonen gehuldigt oder mit den Geistern getanzt.

Freche Kinder und faule Schwiegertöchter aufgepasst! Am Neujahrsabend gibt es in der japanischen Kleinstadt Oga (Präfektur Akita) die Quittung für euren Ungehorsam. Dann nämlich ziehen gehörnte Dämonen, bekleidet mit Reisstrohumhängen von Haus zu Haus, lassen sich vom Hausherren mit viel Sake und Reiskuchen bewirten und jagen dafür dem Nachwuchs in Knecht Rupprecht-Manier einen ordentlichen Schrecken ein. Dabei haben sie es  auf besonders große Faulpelze abgesehen, die sich den ganzen Tag ihre Füße am Feuer wärmen, bis diese voller Brandblasen sind. Und diese essen die Namahage (Brandblasenhaut-Abzupfer) für ihr Leben gern.

Geisterfestivals zu jeder Jahreszeit

Das Fest ist nur eines von unzähligen japanischen Volksfesten (Matsuri) mit gruseligem Beigeschmack, denn Geister und Dämonen sind fester Bestandteil beider Hauptreligionen. Der Shintoismus, Japans ursprüngliche Religion, ist ein Sammmelsurium aus Lokalriten, bei denen die Ahnen, unzählige Gottheiten (Kami) und Naturphänomene verehrt werden. Der Buddhismus kam erst im siebten Jahrhundert über Korea nach Japan und erweiterte den Glauben sogar noch um Jenseitsvorstellungen, Höllen, Erlösung und Geschichten von rastlosen Toten.

Kein Wunder also, dass die Japaner nur zögerlich den US-Exportschlager Halloween übernehmen, denn irgendwo auf den Inseln gibt es immer gerade ein Festival,  bei dem es um die Abwehr von Unglück, die Beschwichtigung der Geister oder das Austreiben von Teufeln (Oni) geht.

Frühlingsfeste: Schlechte Zeiten für Dämonen

Die Oni, gehörnte Dämonen, mit Wuschelhaar, riesigen Augen und roter oder grüner Haut sind im Volksglauben die personifizierten Unglücksengel, die es bei zahlreichen Volksfesten stellvertretend zu maltretieren gilt. So zum Beispiel beim Frühlingsfest Setsubun, dass im ganzen Land vom 3. bis zum 4. Februar gefeiert wird. Um die Wintergeister zu vertreiben, jagen  die Kinder der Nachbarschaft  durch die Straßen und bewerfen Erwachsene in Oni-Kostümen mit gerösteten Soyabohnen (Mamemaki). In den Häusern übernimmt das Familienoberhaupt die Rolle des Kälte-Exorzisten und ruft dabei: „oni wa soto, fuka wa uchi“ („Hinfort mit den Dämonen und herein mit dem Glück“).

Eine schöne Variante ist das Oni Matsuri in Toyohashi. Dort gibt es  einen Showkampf  zwischen Dämonen, gefolgt von einem Süßigkeitenhagel und einer gewaltigen Mehlschlacht. Wer besonders viele Mehlwatschen abbekommt, kann sich auf ein Jahr voller Glück freuen.

Kirschblütenzauber und der Salamander-Song

Wenn die Dämonen nicht verjagt werden können, muss man sich zumindest gut mit ihnen stellen: Wie zum Beispiel beim Kirschblütenfest Hanami. Von März bis Mai zieht eine Welle der Verzauberung von Okinawa bis Hokkaido. Die wenigen Tage, die die Kirschbäume in voller Blütenpracht stehen, werden mit ordentlich Sake und Karaoke gefeiert. Dafür besetzen Firmenangestellte schon morgens riesige blaue Plastikplanen unter den schönsten Bäumen, damit nach Feierabend die ganze Abteilung zur Sause antreten kann. Früher haben die Bauern durch das Feiern den auf den Ästen hockenden Baumgeistern gehuldigt, um für ein erntereiches Jahr ohne Naturkatastrophen zu bitten – heute erhoffen sich die Feiernden vor allem gute Quartalsabschlüsse.

Ebenfalls um eine gute Ernte –  vor allem aber ums nackte Überleben – geht es beim Hanzaki Festival in den Okayama Bergen (im Südosten der japanischen Hauptinsel Honshu). Das Dorf in der Nähe des Yubara Onsen ist bekannt für seine Riesensalamander. Ein 10 Meter langes Exemplar davon soll im 17. Jahrhundert einmal Amok gelaufen sein und alles, was im in den Weg kam, aufgefressen haben. Ein Samurai ließ sich deshalb bei lebendigem Leib verschlingen und schnitt sich dann von innen mit einem rostigen Schwert den Weg frei.

Aber die Dörfler kamen nicht zur Ruhe. Nach einigen Naturkatastrophen und Missernten wurde ihnen klar, dass sie sich mit einem Kami (Naturgottheit) angelegt hatten. Als Wiedergutmachung feierten sie von da an jedes Jahr im August ein Fest zu Ehren der heimischen Amphibien, mit Umzugswagen, Salamandersüßigkeiten und einem speziellen Hanzakisong.

Hier gibt’s noch ne tolle Riesentiervariante, die nur alle zwölf Jahre – im Jahr der Schlange- abgehalten wird.

Schneemonster und Pappkameraden

Besonders schaurig-schöne Atmosphäre kommt auch bei einem der Schneefeste (Yukimatsuri) auf Japans Nordinsel Hokkaido auf.  Dort können Besucher in Februarnächten durch gigantische, gespenstisch ausgeleuchtete Fantasiewelten aus Eis spazieren. Anfangs waren es nur eine handvoll Studenten und Soldaten aus Sapporo, die sich einen Eisburgenbau-Wettkampf im Odori Park  lieferten. Heute kommen Lichtkünstler und Hobbybildhauer aus dem ganzen Land ins Winterwunderland, um mit Motorsägen und Schleifgeräten ein kurzlebiges, turmhohes Eiskunstwerk zu schaffen.

Sehr schön ist übrigens das Lichtpfad Festival in Otaru, bei dem die ganze Stadt im Schummerlicht unendlich vieler kleiner Laternen, die im Schnee am Wegesrand versenkt werden, erstrahlt.

Eine Kombination aus Laternenatmosphäre, Heldenpreisung, Geistervertreiben und Gigantomanie kann man vom 2. bis zum 7. August in Aomori erleben. Dort hatte vor hunderten von Jahren der General Saka­noue no Tamuramaro seine zahlenmäßig überlegenen Gegner mit Flöten, Trommeln, „Rasse-rah, rasse-rah„-Gesängen und riesengroßen mit bemalten Drachen-, Monster- und Kriegerlaternen ins Bockshorn gejagt. Beim Nebuta Matsuri wird diese Mimikri-Kriegsführung auf den Straßen nachgestellt. Die teils 8 Meter hohen und 15 Meter breiten kunterbunten Laternenkonstruktionen sind außerdem auf Flößen befestigt. Nach der Parade werden sie ins Wasser gelassen, um die bösen Wassergeister aufs Meer hinaus zu treiben.

Obon: Das japanische Totenfest

Der König der japanischen Gruselfeste ist das buddhistische Totenfest Obon bei dem die Seelen verstorbener Ahnen in die Welt der Lebenden zurückkehren. Von Juli bis August (je nach Region) werden an Flüssen, Wegen und Hauseingängen Fackeln und Laternen aufgestellt, um den Geister den Weg zu ihren Hinterbliebenden zu leiten. Dort wird üppig gespeist und danach mit den Geistern gemeinsam die ganze Nacht auf den Straßen durchgetanzt (Bonodori).

Besonders spektakulär feiern die Leute in Kyoto das Obon. Zum Abschied der Geister werden auf den fünf Bergen am Stadtrand gigantische Schriftzeichen (Daimonji) ins Unterholz gebrannt, die man sich dann tanzend von der Stadt aus anschauen kann.

Während dieser Spuksaison verfällt ganz Japan dem Geisterfieber. Alles ist mit Gruselgimmicks geschmückt, es gibt spezielle Süßigkeiten und Familien hocken gemeinsam in den schwülen Nächten beieinander, um traditionelle wie neu erfundene Gruselgeschichten mit unzähligen Dämonen (Yokai) zum Besten zu geben. Nur wer von Gänsehautstimmung wirklich nicht genug bekommen kann, nimmt als Halloween-Pionier einen Nachschlag und feiert noch einmal im November.

(Titelbild: Dadado no Onihashiri: Foto by A photographer – commons.wikimedia.org zu finden unter https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dadadō-no-Onihashiri_(Chichioni).jpg)

Mehr Spooky-Matsuri

Das hier darf auf keinen Fall in meiner Auflistung fehlen.

(Quickjump-Tipp 0:42 min.)

Religion und Terror: Asaharas Todeskult

Der 20. März 1995 war ein sonniger, kühler Montagmorgen. Im Tokioter Pendler-Verkehr war nicht ganz soviel los wie sonst, weil sich viele den Brückentag freigenommen hatten. Trotzdem war der Großteil der knapp 9 Millionen Passagiere, die täglich die U-Bahn zur Arbeit nehmen, unterwegs. In dem Getümmel stiegen auch fünf hochrangige Mitglieder der AUM-Sekte (Ōmu Shinrikyō) in unterschiedliche U-Bahnlinien Richtung Regierungsviertel. Alle exakt gleich weit entfernt von der Station Kasumigaseki.

Neben angespitzten Regenschirmen trugen sie in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel mit flüssigem Sarin – einem chemischen Kampfstoff, der zuletzt von den Truppen Saddam Husseins im Krieg gegen die Kurden eingesetzt wurde. Sarin ist ein tödliches Nervengift, das eigentlich zur Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft entwickelt wurde. Einmal freigesetzt, wird es über Hautkontakt oder die Atemwege aufgenommen. Symptome einer Vergiftung sind Husten, blutiger Schaum vorm Mund, Verlust der Sehkraft, Erbrechen, Muskelkrämpfe und Atemlähmung, die schließlich zum Tod führt.

Um Punkt acht Uhr ließen die Sektenmitglieder die Päckchen fallen, durchstachen deren Plastikhülle mit ihren Schirmspitzen, verließen unbehelligt die Bahnen und fuhren zu ihrem Treffpunkt, um sich gemeinsam die Nachrichten anzuschauen. Bis dahin war in der Tokioter Innenstadt das Chaos ausgebrochen.

Giftgas in der Tokioter U-Bahn

Die austretenden Dämpfe verbreiteten sich in den betroffenen U-Bahnen und damit in 15 U-Bahn-Stationen. Überall strömten die Menschen zu den Ausgängen oder brachen noch am Bahnsteigen zusammen. Bis zur Mittagszeit wussten Rettungssanitäter nicht einmal, gegen was sie eigentlich behandeln sollten. Glücklicherweise erkannte ein Militärarzt bei den Opfern die Symptome einer Saringas-Vergiftung.

Japan war damit das erste Land, dass durch einen terroristischen Akt mit einer Massenvernichtungswaffe angegriffen wurde. Verantwortlich waren religiöse Fanatiker der AUM-Sekte Asaharas. Glücklicherweise war die Qualität des selbst hergestellten Sarins nicht besonders gut, sonst wären die Auswirkungen noch katastrophaler gewesen. Aber auch so wurden 6.252 Menschen teilweise schwer verletzt. 13 Menschen starben an den Vergiftungen.

Asahara Shōkō gründet Ōmu Shinrikyō

Gründer von AUM ist der 1955 in Südkyushu geborene Matsumoto Chizuo.  Nachdem der fast blind geborene an der Aufnahmeprüfung einer Tokioter Uni scheiterte, umgab er sich mit Esoterikern, lernte Akupunktur und Meditation und begann Yoga zu lehren. Später behauptete er, auf seinen Reisen durch Ostasien und  Indien die Erleuchtung erlangt zu haben. 1987 änderte er seinen Namen in Asahara Shōkō und wandelte seine Yoga-Vereinskette in eine neue Religionsgemeinschaft um – die Ōmu Shinrikyō (Die höchste Wahrheit).

Das „Om“ steht für ein hinduistisches Mantra. Dass die Sekte bei uns als AUM bekannt wurde, ist ein Übersetzungsschnellschuss europäischer Journalisten.

Im Prinzip war es zu jener Zeit nichts besonderes, dass eine Esotherikergemeinschaft eine eigenen Sekte gründet. In Japan gab es seit den 70ern einen regelrechten Boom für Neugründungen von Alternativreligionen. Asaharas Lehre war ein wilder Religionsmix, enthielt Elemente aus dem Hinduismus, dem Mahayana-Buddhismus, Christentum und dem tibetischen Guruyoga, bei dem Schüler ihren Geist mit dem des Lehrmeisters verschmelzen lassen, damit dessen Erleuchtung auf sie übergehen kann. Versprochen wurde neben der Erlösung auch das Freisetzen übermenschlicher Kräfte.

Von der Yoga-Schule zum Terrorcamp

Asahara zeigte den Weg zur Reinigung der Seele von der Einflüssen einer materialistisch verseuchten Welt auf. Deren Untergang in Form eines Atomkrieges stand natürlich kurz bevor (1996 oder zwischen 1999 und 2003 errechnet) und nur die erleuchteten Mitglieder von Omu, sollten diese Apokalypse überleben. Daher konnten sich die Jünger auch von ihrem weltlichen Besitz trennen – ihr Vermögen überwiesen sie der Sekte und bezogen – teilweise mit ihren Familien – die Sektenquartiere. Dort begannen sie ihre Arbeit im Dienste Asaharas. 1995 umfasste AUM weltweit etwa 40.000 Mitglieder – 10.000 davon alleine in Japan.

Der Personenkult um den Erlöser forderte unerbittliche Gehorsamkeit bis zur Selbstaufgabe. Er bezeichnete sich als Wiedergeburt Jesu Christi und Shiva, der im hinduistischen Glauben der Schöpfer und Zerstörer der Welt ist. Erklärter Todfeind der Sekte waren die Vereinigten Staaten von Amerika, Juden und Freimaurer, die angeblich planten, die ganze Welt unter ihr kapitalistisches Joch zu ziehen. Die japanische Regierung und das Kaiserhaus seien bereits verblendet. Um diese Verschwörung aufzuhalten, kandidierte Asaharas Sekte 1989 für das japanische Parlament. Nach der Wahlschlappe beschlossen die engsten Kreise um den göttlichen Führer, nicht mehr auf den Tag des jüngsten Gerichtes zu warten.

Krieg gegen die Gesellschaft beginnt

AUM rekrutierte in den Folgejahren Wissenschaftler und Techniker aus Japan, Russland und anderen Ländern, in denen die Sekte inzwischen Zweigstellen eröffnet hatte. In Geheimlaboren wurden chemische und biologische Kampfstoffe hergestellt. Sogar zwei  Nuklearwissenschaftler aus Russland sollen zu dem Team gehört haben. In den abgeschlossenen Sekten-Camps wurden AUM-Jünger in verdeckter Kriegsführung unterwiesen. Stundenlanges Zuhören von Gehirnwäsche-Tapes, LSD-Cocktails und Elektroschocktherapie sollten die Gedanken mit denen des Erlösers gleichschalten. Wer aussteigen wollte, wurde unter Druck gesetzt: Einzelhaft, Verhöre, Folter, Vergewaltigung. Asahara duldete keine Wiederworte. Erst recht nicht von Außenstehenden.

Im April 1990 begannen gezielte Terrorakte gegen die japanische Bevölkerung – insgesamt neun Attentate bis zum Jahr 1995. Mit umgebauten Lieferwagen fuhren sie beispielsweise immer wieder um das Tokioter Parlamentsgebäude und den Kaiserpalast herum, versprühten dabei die Bio-Kampfstoffe Botulintoxin, Q-Fieber, Antrax und Cholera-Bazillen. Zum Glück blieb die erwünschte Wirkung aus. 1993 forderte Asahara dann die schnelle Beschaffung von Waffenmaterial. Seine Kontakte zum russischen Geheimdienst nutzte er, um massenhaft Sturmgewehre, Raketenwerfer und sogar einen Kampfhubschrauber zu ordern. Bezahlung war kein Problem, denn inzwischen hatte die Sekte durch den regen Mitgliederzulauf ein Vermögen in Milliardenhöhe angespart. In den abgeschlossenen Sekten-Camps wurden AUM-Jünger in verdeckter Kriegsführung unterwiesen.

Zwar wurden die Behörden wurden immer wieder vor der Sekte gewarnt. Doch die Beamten zögerten, gegen eine Religionsgemeinschaft vorzugehen. Seitdem im 2. Weltkrieg das japanischen Regime sämtliche vom faschistischen Kaiserkult abweichenden Religionen unterdrückt hatte, war nicht mehr gegen eine Sekte  ermittelt worden. Die meisten Beamten erklärten außerdem, sie hätten sich nicht vorstellen können, dass von einer religiösen Vereinigung eine Gefahr ausgehe.

Unterdessen gingen die AUM-Kommandos dazu über, erste öffentliche Kritiker einzuschüchtern. Bei dem Anschlag auf drei Richter in Matsumoto, die einen Zivilprozesse gegen AUM anstrebten, besprühten Sektenmitglieder den Wohnblock mit Sarin, wodurch sieben Personen starben und weitere 250 in das örtliche Krankenhaus eingeliefert wurden. Ein Anwalt, der eine Sammelklage von Familienmitgliedern einiger Sektenangehöriger vertrat, wurde samt seiner Frau und Kind in seinem Haus überfallen und ermordet. Auch der Anschlag 1995 auf die Tokioter U-Bahn sollte eine geplante Großrazzia auf die AUM-Basis vereiteln. Damit hatte die Sekte den Bogen überspannt.

Das Ende von AUM und der Beginn von Aleph

Japans Ermittler gingen endlich konsequent gegen die Sekte vor. Bei Durchsuchungen der AUM-Basis fanden sie einen Kampfhubschrauber und genug Sarin, um damit Tokio in einer tödlichen Wolke untergehen zu lassen. Die Konten der Sekte wurden eingefroren, Waffen beschlagnahmt, Wissenschaftler und mutmaßliche Drahtzieher der Attentate festgenommen. Nachdem auch gegen Asahara Haftbefehl erlassen wurde, explodierte im Büro des Bürgermeisters von Tokio eine Briefbombe. Einen weiteren Anschlag auf die U-Bahn – diesmal mit Zyclon B – konnte die Polizei gerade noch vereiteln. Es folgten weitere Razzien und zahlreiche Festnahmen.

189 AUM-Mitgliedern wurde in den darauffolgenden Jahren der Prozess gemacht. Asahara und zwölf weitere Terroristen wurden zum Tode am Strang verurteilt. Vollstreckt wurde bislang jedoch noch keines der Urteile. Das gleiche Schicksal erwartet auch den 2012 festgenommenen Takahashi Katsuya. Er galt wegen seiner Mittäterschaft bei den Saringas-Attentaten auf die U-Bahn und die Wohnanlage in Matsumoto seit 17 Jahren als meistgesuchter Mann Japans.
AUM wurde im Jahr 2000 in Aleph umbenannt und hat heute etwa 1.500 bis 2.000 Anhänger. Obwohl die Sekte sich offiziell von ihrem Gründer losgesagt hat, steht Aleph bis heute unter strenger Bewachung der Behörden. Laut Einschätzung von Experten halten sie weiterhin an der Lehre Asaharas fest.

Und der Terror geht weiter…

Hier gibt es noch zwei extrem coole Dokus zu AUM und Asaharas Terroranschlag auf die Tokioter U-Bahn: Einmal „Countdown des Schreckens“, eine 16teilige Serie über Attentate in der eine Episode sich um den Giftgasanschlag von AUM dreht. Außerdem lohnt sich ein Blick in „Aum Shinrikyo Cult-Sarin Gas Attacks (Aum Supreme Truth)“.

Als Lesetipp gibt es das Attentat von 1995 aus zahlreichen Perspektiven geschildert. Basierend auf Interviews mit Opfern, Tätern und Sektenaussteigern. Toll beschrieben in einer Reportage von Haruki Murakami.

Und eine fiktive Anlehnung an die Geschichte von AUM gibt’s in der Comic-Serie „20eth Century Boys“ von Urasawa Naoki – meiner Meinung nach so mit der beste Manga aller Zeiten.