J-Horror bis Rakugo: So spukt’s in Japan

J-Horror, Geisterzüge, liegen gelassene Regenschirme, die nach Rache sinnen, oder spukende Mädchen auf der Schultoilette: Gespenstergeschichten wie diese gibt es in Japan unzählige – kein Wunder, bei über 1.300 Jahren Erzähltradition. Hier gibt’s eine Auswahl der schaurigsten Geschichten, vom klassischen Spuk bis zu modernen Urban Legends.

Japan-Horror gruselt die ganze Welt

Mit ihrer Rachegeistgeschichte „Ringu“ haben Schreiber Kōji Suzuki und Regisseur Nakata Hideo 1998 Japans gewaltverwöhntes Kinopublikum das Gruseln gelehrt. Die Story ist schnell erzählt: Wer ein verfluchtes Videotape anschaut, erhält kurz darauf einen Anruf. Die Stimme am anderen Ende der Leitung verkündet, dass nun nur noch sieben Tage Zeit bleiben, das Geheimnis des Videos zu lösen. Wer das nicht schafft wird von einem Mädchengeist heimgesucht und stirbt. Nachdem Sohn und Frau eines Journalisten das Band versehentlich anschauen, beginnt für diesen ein Wettlauf mit der Zeit.

Ein toller Plot und wahnsinnig gut umgesetzt. Der Film brauchte kein großes Budget oder bahnbrechende Effekte, nur den subtilen Horror und die Tragik einer klassischen Geistergeschichte. Ringu (the ring) wurde ein Riesenerfolg und wie immer, wenn beim Film etwas gut funktioniert, gab es sofort eine Welle von Nachfolgefilmen und Plagiaten. So entstand das Genre des J-Horrors (Japan-Horror). Westliche Filmstudios adaptierten daraufhin erfolgreiche Filme, wie „the ring„, „dark water“ und „the grudge„. Alles Remakes übrigens, die ähnlich gut gelungen und sehenswert sind wie die japanischen Originale.

Kaidan: Japanische Schauermärchen

Die Story von ringu ist ohne Zweifel toll, für japanische Verhältnisse jedoch alles andere als ein Glückstreffer. Im Erfinden von Spukgeschichten sind die Japaner seit je her Meister. Genauer gesagt gibt es eine über 1.300 Jahre alte Horror-Tradition in Japans Literatur und Theaterstücken. Und durch die beiden vorherrschenden Religionen, Buddhismus und Shintoismus, ist der Geisterglaube in der japanische Kultur ohnehin festen verankert.

Beispielsweise sitzen Familien in unerträglich heißen Sommerabendstunden zusammen, um sich durch vorgetragene kaidan/kwaidan (Spukgeschichte) einen kühlenden Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen.  Zudem findet zwischen Juli und August das buddhistische Totenfest Obon in Japan statt, bei dem unzählige Laternen auf den Straßen den Ahnengeistern den Weg zu ihren hinterbliebenen Angehörigen leuchten. Dieses stimmungsvolle Umfeld ist natürlich Nährboden für immer neue Erzählungen um Dämonen und Monster (Yokai), Zaubertiere (Bakemono), Rachegeister und andere Spukgestalten.

Geisterbesuch nach 100 Spukgeschichten

Sammlungen solcher Geschichten werden in der Literatur Hyakku Monogatari genannt, was wörtlich übersetzt soviel wie „Hundert Geschichten“ bedeutet. Der Name geht auf eine Geisterbeschwörungspraxis zurück, bei der man sich in einem von einhundert Kerzen beleuchteten Raum zusammensetzt. Abwechselnd erzählen sich die Teilnehmer Gespenstergeschichten, an deren Schluss jeweils eine Kerze gelöscht wird. Mit dem Ende der letzten Erzählung erscheint den im Dunkeln kauernden Séance-Beiwohnern dann die erwünschte Geistergestalt .

Mönche mit Geistern im Gepäck

Einen anhaltenden Boom erlebten Geistergeschichten seit dem siebten Jahrhundert als auch buddhistische Lehren populär wurden. Die Mönche führten in Japan Ideen vom rastlosen Toten ein und boten gleichzeitig ihre Dienste als Vermittler zwischen Jenseits und Diesseits an. Basierend auf der Idee, dass starke Gefühle, wie Liebe und Hass, die Seelen Verstorbener an das Diesseits binden, entstanden zu dieser Zeit die ersten japanischen Erzählungen von Yūrei-Rachegeistern. Da Frauen im Konfuzianismus und Buddhismus schlecht weg kommen, wundert es nicht, dass diese Yūrei fast immer weiblich sind. Gekleidet sind sie in weiße Totengewänder, sie tragen ihr langes schwarzes Haar strähnig ins Gesicht hängend und ihre Hände baumeln wie ausgerenkt von ihren Handgelenken – aber nicht nur beim Aussehen der Hauptfigur haben sich die Macher von Ringu bedient.

Okiku und Sadako: Vom Rakugo zum J-Horror

Die Geschichte der Sadako in Ringu besteht im Prinzip aus den zentralen Elementen einer klassischen Rakugo-Erzählung, nämlich die der Dienerin Okiku in „Das Tellerhaus von Harima“.

Weil sie die Liebe des Schloßherrn von Himeji nicht erwidern will, inszeniert dieser einen Diebstahl, klagt das Mädchen an und richtete sie hin. Als Rachegeist spukt sie seitdem im Garten der Burg und steigt nachts aus dem Brunnen, in dem ihre Leiche entsorgt wurde.

Dabei zählt sie unentwegt die zehn Teller durch, von denen sie einen angeblich mitgehen ließ. Abenteuerlustige Besucher, die das Schloß nicht bis zur zehn verlassen haben, werden von der Okiku zu Tode erschreckt.

Ein Brunnen, ein ermordetes Mädchen, ein Todescountdown und ein Spuk der tödlich endet: Das hat vor 250 Jahren die Zuhörer des Ein-Mann-Rakugo-Theaterstücks gefangen und funktioniert auch heute noch bei einem internationalen Kinopublikum, wie der Erfolg von ringu gezeigt hat.

Geisterzüge bringen die Modernisierungsangst

An Märchen und Gruselgeschichten lässt sich das gesamte Spektrum zeitgenössischer Ängste einer Gesellschaft ablesen. In Japan kann man das besonders gut sehen. Als Anfang der Meiji-Zeit im Jahre 1868 die Industrialisierung auf dem Archipel begann, häuften sich bei Gleisbauern und Anwohnern Gerüchte um Sichtungen von Geisterzügen, die über die noch nicht ganz fertig gestellten Schienen durch die Nächte donnerten.

Oiwa: Spuk am Set

Eine populäre Vertreterin moderener Yūrei ist die Oiwa, die seit Jahrhunderten angeblich Bühnen und Filmsets heimsucht. Dort sabotiert sie die Vorstellungen und Proben, um die Aufführung ihrer tragischen Leidensgeschichte („Yotsuya Kaidan„) zu verhindern. Ähnlich wie bei der Unfallserie der „Poltergeist„-Filme, gibt es zu den mysteriösen Vorkommnissen bei Oiwa-Aufführungen immer die waghalsigsten Theorien.

Urban-Legends: Toilettenspuk und die schöne Fremde

Ein Yūrei-Mythos, der inzwischen schon Urban Legend-Charakter bekommen hat, ist die Geschichte der Toire no Hanako. An einigen Schulen geht das Gerücht um, dass im dritten Stock in der dritten Kabine der Mädchentoilette ein Geist umgeht. Die Kabine neben besagtem Toilettenséparéet wird gemieden. Ebenso traut sich keine Schülerin, an der meist verschlossenen dritten Tür zu klopfen. Denn wer den Zorn der Hanako heraufbeschwört wird an Örtchen und Stelle erwürgt. Eine deutlich grausamere Variante erzählt, dass Hanako um ein rotes Cape bittet. Wer ihr keines borgen will, dem reißt sie mit einem Ruck die Haut vom Rücken.

Die Legende ist etwa seit sechzig Jahren im Umlauf und ihre Entstehungsgeschichte variiert stark. In manchen Versionen ist die Hanako ein Mädchen, das im 2.Weltkrieg vor dem Bombardement Schutz in der Schultoilette suchte und dort verschüttet wurde. Auch die Variante vom sexuell missbrauchten und später ermordeten Schulmädchen ist weit verbreitet.

Die Kuchisake Onna wiederum ist ein Rachegeist, der die Jahrhunderte überdauert hat. Einst war sie eine Schönheit, die von ihrem eifersüchtigen Gatten entstellt wurde, indem er ihren Mund bis zu den Ohren hin aufschlitzte. In nebligen Nächten spricht sie vermummt Passanten auf dem Nachhauseweg an und fragt, ob diese sie attraktiv finden. Wer ihr ein Kompliment macht, dem zeigt sie ihr zerschnittenes Gesicht und wiederholt die Frage immer wieder, folgt ihrem Opfer bis vor die Haustür und schneidet ihm dort die Kehle durch.

Keine Heike-Krabben in den Topf

Natürlich können aber auch enttäuschte Männer aus Rachegelüsten zu Geistern werden. Im Jahr 1185 fand in Shimonoseki in Nordkyuushuu die „Seeschlacht von Dannoura“ statt. Hierbei vernichtete der Klan der Minamoto die Taira-Sippe.

In lauen Sommernächten berichten die Fischer der Region immer wieder von Signalfeuern und Schlachtlärm weit draußen auf dem Meer. Die Einwohner erzählen sich, dass Taira-Geister die Lebenden auf die offene See locken, dort die Schiffe kentern und die Insassen in die Tief hinabziehen.

Nutznießer dieser Mär sind die in Shimonoseki vorkommenden Heike-Krabben (Heike ist übrigens eine Lesevariante für Taira). Die Rückenpanzerstruktur der Heikegani erinnert an menschliche Gesichter. Deshalb gelten sie als als Manifestation der Heike-Geister. Aus Versehen gefangene Krabben landen niemals im Topf, sofort direkt wieder im Wasser. 

Tsukunogami: Spukender Nippes

Außerdem gibt’s japanischen Geisterspuk nicht menschlicher Form. Zum Beispiel erwachen ungenutzte oder vergessene Gegenstände zum Leben, um sich an ihren nachlässigen Besitzern zu rächen. Egal ob Regenschirme, Möbelstücke, Schiebetüren oder Musikinstrumente.

Im Volksmund heißt es, berührt man Teile seines Hab und Guts über 99 Jahre nicht, bringen sie sich als Tsukumogami-Spukgestalten wieder in Erinnerung. Wer also eine Weile in Japan verbringt, sollte sich davor hüten, den Frühjahrsputz zu verschleppen.

Seltsam, aber so steht es geschrieben!

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten

Die Yakuza sind Japans ultraharte Verbrechersyndikate, die hier wohl jeder aus Filmen wie Black Rain, Crying Freeman oder den Gangsterepen von Takeshi Kitano kennt. Wegen ihrer komplexen Bandenstruktur werden die Yakuza auch als japanische Mafia bezeichnet. Den Vergleich mögen sie aber nicht, weil sie sich nicht als Belastung für die Gesellschaft verstehen – mehr als diejenigen, die dort für Recht und Ordnung sorgen, wo die Polizei keinen Einfluß hat. Schutzgeld müssen sie als kleine Aufwandsentschädigung eintreiben. Klingt zynisch, ist sogar dreist. Trotzdem hat diese paradoxe Image-Kampagne jahrzehntelang ihre Wirkung nicht verfehlt.

Japans ultrabrutale Gangster

Die Yakuza wurden früher respektiert, galten als diejenigen, die auf den Straßen für Ruhe sorgten, Kleinkriminelle, Unruhestifter und ausländische Syndikate unterdrückten. Nach dem Krieg waren sie es, die Arbeitswütige mit Wachmachern und Familien mit den nötigsten Haushaltsutensilien versorgten. Ihre bedingungslose Loyalität untereinander, ihr Männlichkeitskult und ihr strenger, pseudomoralischer Kodex faszinierte vor allem Filmemacher, deren Leinwandhelden den Yakuza den Ruf von Gentleman-Gangster einbrachten.

Aber bei aller Faszination für Japans Unterwelt darf man nicht vergessen, dass die Yakuza ultrabrutal und rücksichtslos gegen alle vorgehen, die ihren Plänen im Wege stehen. Hilfeaktionen, wie nach dem großen Kobe-Erdbeben und nach Fukushima sind wohl eher gutorganisierte PR-Streiche der Gangster.

Falschspieler oder vagabundierende Helden?

Dazu gehört auch die Mär, die die Organisationen über ihre Ursprünge verbreiten. 1603 schaffte es die Familie Tokugawa ein extrem chaotisches Japan nach anderthalb Jahrhunderten Bürgerkrieg unter ihrer Herrschaft zu vereinen. Fern der Hauptstadt jedoch litten die Bauern nach wie vor unter vagabundierenden Diebesbanden, Söldnern und Gesetzlosen. Herrenlose Samurai schlossen sich deshalb zu Dorfbeschützergruppen zusammen und schlugen die Schurken zurück. Diese Machi Yakko wurden zu Volkshelden, die bis heute in Liedern und Theaterstücken gefeiert werden.

Weil sie ihre Volksnähe gerne betonen, behaupten die Yakuza, auf jene Helden zurückzugehen. Betrachtet man allerdings das Milieu, aus dem der Begriff Yakuza stammt, dann findet man eine passendere Antwort auf die Herkunftsfrage. Denn das schlechteste Blatt beim Kartenspiel Hanafuda ist die Kombination der Karten 8-9-3 (gelesen: ya-ku-za). Es ist also wahrscheinlicher, dass die Yakuza aus den Kreisen professioneller Glücksspieler stammen.

Der Infrastrukturausbau in Japan verschlang im siebzehnten Jahrhundert nämlich Unsummen. Zu diesem Zweck lockerte die Regierung das Glücksspielverbot und entsandte professionelle Groupiers, die den angeheuerten Straßenbauarbeitern nachts das sauer verdiente Geld wieder abnahmen. Diese Abzocker waren die Bakuto. Mit der Zeit bildeten sie überregionale Netzwerke und übernahmen die Kontrolle über das illegale Glücksspielgeschäft und die Vergnügungsviertel des Insellandes.

Es zählt nur Loyalität und Stärke

Drei große Gruppen beherrschen heute die japanische Unterwelt: Die Yamaguchi aus Kansai (geschätzte 45.000 Mitglieder), die Sumiyoshi (mit etwa 10.0000 Mitgliedern) und die Inagawa (etwa 7.000 Mitglieder) aus der Umgebung von Tokyo .

In ihrem Territorium kontrollieren sie auch heute noch das illegale Glücksspiel und das Vergnügungsgewerbe. Aber auch im Drogenhandel, im Immobiliengeschäft, in der Bau- und der Abfallentsorgung mischen sie mit. Damit sich die vielen Gangs nicht in die Quere kommen gibt es eine strenge Hierarchie und einen noch viel strengeren Ehrenkodex, an den sich alle zu halten haben. An der Spitze der Syndikate steht deshalb der Kumichou, Bandenchef, der die wichtigen Entscheidungen fällt. Ihm sind alle internen Gruppen (Ikka) zum Gehorsam verpflichtet. Nur die Anführer der Zweigfamilien (Kyoudai) begegnen sich auf Augenhöhe. Der Rest folgt dem Kodex einer bedingungslosen Meister-Schüler-Hörigkeit (Oyabun-Kobun-System).

Karriereboost Knastvertretung

Die Ausbildung läuft nach dem Prinzip „zuschauen und nachmachen“. Hierbei gilt es, den Yakuza- Sprachcode, Floskeln und Verhaltensregeln zu lernen. Wer sich im Laufe der Ausbildung schnell bewährt, steigt im Rang auf. Beste Möglichkeit hierfür ist ein Gefängnisaufenthalt für einen hochrangigen Yakuza durch ein falsches Schuldeingeständnis. Auf der Führungsebene der Syndikate gab es früher kaum jemanden, der nicht mindestend 10-15 Jahre stellvertretend im Knast abgesessen hatte.

Ein Fingerglied als Entschuldigung

„Lieber einen Finger verlieren, als den Kopf. Und lieber den Kopf verlieren, als das Gesicht“, heisst es unter den Yakuza.

Deshalb verbüßen diese schwere Fehler traditionell, indem sie sich selbst eine Fingerkuppe oder ein ganzes Fingerglied amputierten und diese dem Vorgesetzten überreichen. Yubitsume wird diese Praxis genannt. Zum Abtrennen wird entweder ein sehr scharfes Messer oder Hammer und Meißel genommen.

Der Brauch stammt übrigens von Kurtisanen aus dem japanischen Mittelalter, die ihrem Gönner eine Fingerkuppe als Treuebeweis schenkten. Bei den Yakuza bedeutete ein fehlendes Fingerglied die Lockerung des Schwertgriffes. Durch die Amputation soll die Ernsthaftigkeit eines Anliegens klargemacht, die Selbstaufgabe für den Vorgesetzten zur Schau gestellt und die Stärke eines Junggangsters bewiesen werden.

Irezumi: Einmal Yakuza, immer Yakuza

Ganzkörpertätowierungen im Irezumi-Stil sind das Merkmal traditioneller Yakuza. Die Tattoos sind fast immer Ukiyoe-Holzschnittmotive, Blumenmuster, Tiere, Helden- oder Heiligenbilder. Außerdem zeigen sie Rang und Syndikatszugehörigkeit an. Das Motiv der Irezumi charakterisiert den Träger und unterstreicht dessen Entscheidung, der japanischen Gesellschaft für immer den Rücken zu kehren.  Die Farbe wird übrigens von Hand unter die Haut gestochen. Die Anfertigung der Ganzkörperzierde dauert meist mehrere Monate und ist sehr schmerzhaft. Deshalb ist die Irezumi auch wieder ein Beweis von Stärke und Männlichkeit. Die Kumi sehen sich als soziales Auffangbecken. Beim Rekrutieren von Nachwuchs suchen sie unter den Zuwanderern, Tagelöhnern, Bozozoku-Rockerbanden, Ex-Polizisten oder vorbestraften Jugendlichen – kurz all denen, die keine Bilderbuchkarriere im erfolgsorientierten Japan machen konnten. Dabei ist diese „letzte Chance“ für den Yakuza-Nachwuchs normalerweise nicht der wesentliche Entscheidungsfaktor: Laut Umfrage fühlten sich etwa 65 Prozent vor allem vom cool-harten Image und der abenteuerlichen Yakuza-Welt angezogen.

Polizei & Yakuza – ein historisches Geschäft

Die Yakuza hat für die Regierung die Drecksarbeit gemacht. Wir haben die Kommunisten umgebracht und die Straßen sauber gehalten, nicht die Polizei Es war ein historisches Geschäft.    (Gangmitglied im „Merian“- Artikel)

Solange sie sich auf illegales Glücksspiel, Prostitution und den Aufputschmittelhandel konzentrierten, überließ die Polizei den Syndikaten das Feld. Spätestens seit dem 2. Weltkrieg  wurde daraus eine handfeste Kooperation.  Die Yakuza halfen der Polizei den Schwarzmarkthandel zu kontrollieren und Kleinkriminalität in den Griff zu bekommen. Bei Übergriffen der japanischen Linken gegen die Polizei in den 60 er/ 70 er Jahren prügelten die oft ultrakonservativen Syndikatsmitglieder ihren Partnern in Uniform den Rücken frei. Die Kumi-Mitglieder konnten lange Zeit ungestört agieren, unterhielten Büros, an deren Türen ihre Wappen prangten und Syndikats-Mitglieder verteilten auf der Straße ihre Visitenkarten, die sie als Yakuza auswiesen.

Image auf’s Spiel gesetzt – und verloren

Mit der Zeit begannen die Yakuza auf ihrer Suche nach neuen Einnahmequellen immer häufiger Wirtschaft und Bevölkerung zu schikanieren. Beliebte Tricks waren gefakete Unfälle mit überteuerten Schadensersatzforderungen. Sie ließen im Gedränge Gegenstände fallen oder provozierten Auffahrunfälle im Berufsverkehr. Wer nicht bezahlen wollte wurde bedroht oder zusammengeschlagen. Außerdem stiegen die Gangster ins Imobiliengeschäft ein, kauften ganze Wohnblocks weit unter Preis. Wer sich nicht von seinem Haus trennen wollte wurde terrorisiert. Die Gangster lagerten Müll auf dem Nachbargrundstück oder zermürbten die Anwohner durch dauerhafte Lärmbelästigung.

Nachdem bei Schießereien rivalisierender Banden auch Zivilisten ermordet wurden, musste die Polizei handeln. Durch das Anti-Yakuza-Gesetz (boutaihou) erhielten die Ermittler Sonderbefugnisse im Kampf gegen die Kriminellen, sobald diese erst einmal offiziell als Yakuza-Kumi eingestuft wurden. Um einen Schlussstrich unter das gute Image der Yakuza zu ziehen, wurden die Yakuza zudem offiziell in Bouryokudan (Gewaltgruppen) umbenannt. Die Kumi fühlten sich dadurch natürlich von der Polizei verraten.

Das Ende der Yakuza?

Trotz regelmäßiger Revisionen des Anti-Yakuza-Gesetzes ist nicht anzunehmen, dass die Yakuza jemals vollständig „ausgerottet“ werden – auch wenn  dies regelmäßig von der Polizei in ihren Jahresberichten proklamiert wird. In ihrer über dreihundertjährigen Geschichte hat die japanische Mafia immer wieder gezeigt, dass sie in höchstem Maße anpassungs- und wandlungsfähig sind. Ganz klar ist aber, dass die Anzahl der Erpressungsdelikte und Bürgerschikanen, auf die das Gesetz schwerpunktmäßig ausgerichtet war, deutlich abgenommen hat.

Der wohl wichtigste Effekt der Yakuza-Gesetze  ist der, dass die Bevölkerung wieder Vertrauen in die Durchsetzungskraft der Behörden gewonnen hat. Heute wehren sich immer mehr Bar- und Clubbesitzer, indem sie Schutzgeldforderungen zur Anzeige bringen. Allerdings hat die Yakuza sich im gleichen Atemzug um Alternativ-einnahmequellen gekümmert. Seit der Wirtschaftkrise treten die Syndikate immer häufiger als Geldeintreiber und Kredithaie auf. Außerdem gingen die Yakuza als  Ordnungsfaktor der Unterwelt verloren. Dadurch gewinnen nicht weniger brutale Verbrecherkartelle aus China, Taiwan und Korea an Einfluß. Die Folge ist zum Beispiel, dass neben Speed heute auch harte Drogen wie Heroin ins Land kommen.

Trotzdem ist das gesteuert romantisierte Image der Gangster bei der Bevölkerung hinfällig geworden, weil ihr immer brutaleres Auftreten seit den 70ern sie endgültig als asoziale Elemente enttarnte. Jenseites der Realität existiert jenes Idealbild nur noch in der Popkultur, in Romanen, Filmen und Videospielen weiter. Den Bezug zu ihren realen Pendants stellt (zumindest in Japan) kaum noch jemand her.

Androidinnen: Made in Japan

Androidinnen: Made in Japan

Das seit 2007 aussterbende Inselvolk setzt auf mechanische Diener, um drohende Versorgungsengpässe in der Pflege abzufedern. Dabei weichen eckige Maschinen mit Greifhakenhänden allmählich makellos modellierten jungen Frauen mit Gummihaut und Pagenschnitt.

Japans Geburtenrate befindet sich seit 1974 auf Talfahrt. Japanische Frauen bringen im Schnitt nur noch 1,4 Kinder zur Welt. 2,1 wären aber nötig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Gleichzeitig sorgt der medizinische Fortschritt dafür, dass die Menschen immer älter werden. Was das bedeutet kann man sehen, wenn man mal aus den Metropolen heraus aufs Land fährt. Japan entwickelt sich zu einem Greisenland. Und da eine Lockerung der Einwanderungsbestimmungen für Tokyo nicht zur Debatte steht, stellt sich die Frage, wer das aufklaffende Fachkräfteloch füllen soll. Die Antwort ist aber nicht „wer“, sondern „was“.

Die Altenpfleggerobbe Paro, der Care-Bear RIBA oder der Hausdiener Wakamaru sind allesamt Roboter und sie haben eines gemeinsam: Sie sehen einfach nett aus. Und das liegt nicht bloß daran, dass Japan seit Jahrzehnten in einem Meer von putzigen Produkten und kulleräugigen Maskottchen versinkt. Die Niedlichkeit (Kawaii) soll Menschen dabei helfen, Maschinen an ihrer Seite zu akzeptieren. Und das funktioniert bei den Japanern erstaunlich gut. Erst wenn die Konstruktionen zu menschenähnlich werden, schlägt hier und da das Interesse in Skepsis um. Denn seltsamerweise stellt sich für einige erst dann die ethische Frage, ob es in Ordnung ist, einen Menschen durch Maschinen zu ersetzen, wenn die Maschine ihren Erbauern wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Hausgemachte Konkurrenz

Geschichten über das Verhältnis von Menschen und Androiden – also Maschinen, die wie ihre Erbauer aussehen und sich auch so benehmen –  gibt es in der japanischen Manga-Comic-Literatur unzählige. Und in beinahe all diesen Geschichten geht es letztlich um die Angst der Menschen, die Kontrolle über ihre Schöpfung zu verlieren. Oder schlimmer noch: gar von ihr übertroffen zu werden.

Diese Zukunftsmusik scheint zunehmend real, seit Japans erste Roboterlehrerin Nachhilfestunden gegeben hat und attraktive Fembot-Hostessen Messebesuchern den Weg zur Toilette erklären. Längst geht es Tüftlern und den dahinter stehenden Forschungsinstituten nicht mehr darum, einen Putzroboter oder Schachpartner für Pflegeheimbewohner zu konstruieren. Für sie hat ein Wettlauf begonnen, an dessen Ziel der künstliche Mensch steht, der in Verhalten und Aussehen nicht mehr von seinen Schöpfern zu unterscheiden sein wird.

Roboter lieben lernen bei Professor Android

Die unglaublichsten Wegmarken ins Robo-Zeitalter setzt seit Jahren ein Mann aus Osaka: Professor Ishiguro Hiroshi. Seine Repliee Androiden sehen ihren menschlichen Vorbildern nicht nur zum verwechseln ähnlich. Sie sprechen, blinzeln und unterstützen das gesagte mit scheinbar belanglosen Gesten. Vor ein paar Jahren präsentierte Ishiguro auf einer Messe einen attraktiven weiblichen Androiden, der auf Publikumsfragen reagierte und sogar die richtigen Antworten geben konnte.

Auch von sich selbst hat er längst eine Robo-Replik angefertigt. Die kann zwar nur sitzen, weil die Nachahmung des menschlichen, zweibeinigen Gangs unglaublich schwierig ist. Dafür aber ahmt sie natürliche Körperbewegungen wie Atmung nach und verfügt mit 50 Motoren im Gesichtsbereich über eine ausgeprägte Mimik.

Dem 51-jährigen geht es längst nicht mehr darum, eine mechanische Kopie eines Menschen zu konstruieren. Er konzentriert sich auf den nächsten Schritt: Die Überbrückung der natürlichen Distanz, die Menschen gegenüber Maschinen empfinden. Sein Doppelgänger wurde beispielsweise über ein Motion-Capture System ferngesteuert, um herauszufinden, inwieweit die Interaktion aus der Ferne auch eine persönliche Präsenz übertragen kann, also ob die Studenten irgendwann vergessen, dass sie sich um eine Replik von Professor Ishiguro handelt.

„Zuerst ist man über Androiden irritiert. Aber wenn man erst einmal in eine Konversation gezogen wird, vergisst man jeden Unterschied und fühlt sich ganz in Ordnung, wenn man mit ihm spricht und ihm in die Augen schaut.“

(Robo-Forscher Ishiguro Hiroshi)

Von Stepford Wives und Love Doll-Luden

Das Netz ist natürlich längst voller Leute, die es kaum erwarten können, über diese kleinen Unterschiede hinwegzusehen. Diskutiet wird, ob Sex mit den Roboter-Damen möglich sein wird oder ob die künstliche Intelligenz ausreicht, um eine Androidin zur Frau zu nehmen. Was bei den Stepford Wives von Ira Levin in den Siebzigern noch als Satire gemeint war, rückt in greifbare Nähe. Denn schon jetzt gibt es in Tokyo Bordelle, die lebensgroße Latex-Damen für ein einseitig-aufregendes Tête-à-Tête pfeilbieten.

Der ehemalige Software Ingenieur Itonaga Katsuyoshi war der erste, der vor zehn Jahren Stundenhotels mit untenrum anatomisch korrekten Schaufensterpuppen belieferte. Ein paar Jahre später betrieb er bereits sieben eigene Bordelle, deren Mitarbeiterschaft ausschließlich aus Love Dolls besteht. Der Preis für eine zweistündige Nummer entspricht übrigens dem Standard-Callgirl-Tarif. Trotzdem sind die Liebespuppenbordelle immer gut besucht. Haarfarbe, Aussehen, Figur, Kleidung und die jeweiligen Motto-Zimmer können vorher ausgewählt werden. Ob die Puppen dann für Sex benutzt oder nur mit mitgebrachten Kostümen fotografiert werden, ist den Betreibern egal. Zumindest aber weist ein Schild über der Eingangstür darauf hin, dass „Love-Dolls wie richtige Mädchen sind. Geht sanft mit ihnen um“.

Etwa 6.500 US-Dollar kostet eine solche Puppe für den Hausgebrauch. Wer sich das nicht leisten kann oder neben der Ehe heimlich einer solchen Vorliebe nachgehen möchte, besucht einfach einen der Tokioter Puppen-Puffs, wie der lustige „Stern“ diese Hotels mal betitelte. Der Schritt ein solches Etablissement mit Roboterfrauen auszustatten, ist natürlich nicht mehr groß. Der Betreiber Itonaga träumt schon lange von einem Computerchip für seine Mädels.

„Mein Traum ist es, den Leuten eine Robotergeliebte zu geben, die auch mal etwas Unerwartetes macht.“ (Puppenlude Itonaga Katsuyoshi)

Iiih, Roboter: Invasion auf den Arbeitsmarkt

Androidinnen fürs Bett werden nur was für Männer sein, die heute schon einen von Beate Uhses aufblasbaren Dauerbrennern in der Bastelkiste verstecken. Und auch Lehrer, Modells oder Krankenpfleger brauchen sich keine Sorgen um ihren Job zu machen. Die Service-Roboter sollen einem zur Hand gehen, können hier aber kaum ihre menschlichen Vorbilder ersetzen.

In der Industrie oder Landwirtschaft haben Maschinen Tätigkeiten übernommen, die sie nach identischen Handlungsmustern ausführen. Computer können eben nur Regeln befolgen oder anhand von Datensätzen auswerten, welche Antwort in ähnlichen Fällen am häufigsten gegeben wurde. Also bloß nicht das Zwischen-den-Zeilen-lesen verlernen, dann bleibt die Invasion der Robo-Konkurrenz auf Bürosessel und Ehebetten Science-Fiction.

Japans heiligen Berg besteigen

Japans heiligen Berg besteigen

Fujisan nobori: Japans heiligen Berg besteigen

Jeder Japaner, so heißt es, sollte einmal in seinem Leben den höchsten Berg des Landes bestiegen haben. Und jeder, der die 3776 Höhenmeter über Vulkanasche-Wege bis zur Spitze des Fuji herauf gewandert ist, beteuert, sich dieser urjapanischen Herausforderung erneut stellen zu wollen. Am Aufstieg Gescheiterte tun dies natürlich auch – nur leiser.

Nichts, außer vielleicht dem Kaiserhaus, hat für die Japaner einen so nationalsymbolträchtigen Charakter wie ihr heiliger Berg Fuji. Der nahezu vollkommen symmetrische Vulkankegel ist deshalb auch das beliebteste Motiv der dortigen Dicht- und Bilderkunst. Nicht auszudenken, wenn der irgendwann mal wieder ausbricht und dadurch seine Form verliert. Das könnte aber jederzeit passieren, denn der Fuji ist aktiv und seit Jahren überfällig. Auf Ukiyoe-Holzschnitten ist er so allgegenwärtig, dass man glaubt, ihn von jedem beliebigen Punkt in Japan sehen zu können. Was aber leider nicht stimmt. Selbst im 100 Kilometer entfernten Tokyo kann man den Fuji nur bei besonders klarem Himmel sehen. Deshalb sollte jeder, der eine Zeit in Japan verbringt, zumindest in die Wälder am Fuße des Fuji pilgern und zum Gipfel raufschauen.

Fujisan oder Fujiyama?

Die meiste Zeit des Jahres ist der Gipfel mit Schnee bedeckt. Mit Beginn der Wandersaison vom 1. Juli bis zum 31. August zeigt er dann sein gesamtes Farbspektrum, von tiefschwarzem Gestein im Tal bis hin zu seiner normalerweise nicht sichtbaren dunkelroten Spitze. Die Japaner nennen ihn deshalb auch den „Akafuji„, den roten Fuji. Seine im Westen gängige Bezeichnung „Fujiyama“ verdankt der Berg übrigens einem Übersetzungsfehler der ersten Stunde interkulturellen Austausches.

Japanische Bergnamen werden häufig mit der Endung „san“ oder „yama“ versehen. Beides bedeutet einfach nur Berg oder Gebirge, ersteres ist die sino-(chinesisch-)japanische Lesung für das Schriftzeichen (山), die zweite die rein japanische. Die Regeln wann, welche Lesung benutzt wird, sind relativ simpel. Aber gerade bei Orts- und Personennamen gibt es so viele Ausnahmen, dass man spezielle Fachlexika braucht. Das „san“ bei „fujisan“ hat aber nichts mit Berg-Schriftzeichen zu tun und da liegt der Fehler.

Der Fuji wird als Sitz verschiedener Gottheiten angesehen und deshalb mit dem Suffix „-san“ bedacht, im Sinne von „ehrwürdiger Fuji“. So macht man das im Japanischen auch mit Familien oder Vornamen – Karate-Kid-Kennern dürfte dies bekannt vorkommen ;) Kein Wunder also, dass hier der eine oder andere Übersetzungspionier durcheinander gekommen ist.

Träume vom Steigen

Bis 1838 durften Frauen den heiligen Berg gar nicht erst betreten. Nur Mitgliedern der Sengen-Sekte, die auch heute noch die Bergsteige-Saison offiziell eröffnet, war dies erlaubt. Heute wagen jeden Tag Tausende die ganztägige Bergwanderung, sogar wir Langnasen aus Europa lassen sich das Abenteuer nicht entgehen. Ich muss immer lachen, wenn ich an den Japaner denke, der vollkommen erschöpft mit Wanderstirntuch um die Ecke einer Felsnase auf dem Gipfel ankam und in meine Richtung meinte: „Das gibt’s doch nicht? Herr Ausländer ist auch schon da.“

How to mount Mount Fuji

Es gibt zur Zeit vier traditionelle Routen, auf denen man sich den Weg zur Spitze bahnen kann. Da der Gipfel ganz ohne Steigeisen und Seile, also einfach nur erwandert werden kann, sollte man sich bei der Auswahl des Startpunktes eher daran orientieren, zu welcher Zeit man mit der Besteigung beginnt. Je nachdem, ob man lieber im Schatten oder in der prallen Sonne wandern will. Viele starten auch mitten in der Nacht, um sich den Sonnenaufgang über den Wolken anschauen zu können.

Der Fuji ist in 10 Wanderabschnitte eingeteilt, die von 1 im Tal bis 10 auf der Bergspitze durchnummeriert sind. Da sich der Vulkankegel nur ganz allmählich an seinem Fuße erhebt, starten die meisten Besucher am Parkplatz des 5. Abschnitts, der bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Hier bietet sich übrigens für längere Zeit die letzte Chance sich zu erfrischen, etwas einzukaufen oder vor allem eine Toilette zu benutzen. Früher gab es zahlreiche Kioske auf dem Weg nach oben, die jedoch nach und nach verschwanden.

DSCN0211

Flaschensammler heraufspaziert!

Die Japaner hätten gerne, dass der Fuji zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wird. Die haben aber zurecht abgelehnt und gesagt, dann schafft erstmal den ganzen Wandermüll und Bauschutt weg, wenn euch der Berg so am Herzen liegt. Und das ist wieder so eine Sache die die Japaner so sympathisch macht: Die meisten Leute nehmen zum Bergstieg eine Mülltüte mit und sammeln – und das, obwohl auf dem ganzen Weg vom Parkplatz bis zum Gipfel keine Mülleimer gibt, die Tüten sogar am Ende mit dem Auto mitgenommen werden müssen, weil nicht mal auf dem Parkplatz eine Tonne steht.

Im Durchschnitt dauert der Aufstieg vom Parkplatz am 5. Abschnitt etwa sechs Stunden. Allerdings gibt der Boden, auch auf den Wanderwegen, bei jedem Schritt ein wenig nach, so als würde man auf Katzenstreu oder Kieselstrand gehen. Das ist extrem kräftezehrend.

Außerdem wird die Luft in höheren Lagen (ab 2.500 Metern) dünner, was bedeutet, dass mit jedem Atemzug weniger Sauerstoff als gewohnt aufgenommen wird. Dadurch besteht die Chance, höhenkrank zu werden. Bei Symptomen wie Übelkeit, Schwindelgefühlen und gelber Hautfärbung also echt vernünftig sein, mal ausruhen und schauen, ob man nicht doch lieber umkehren sollte.

Auf der Höhe des achten Abschnittes gibt es eine Rasthütte, in der man sich mit heißer Nudelsuppe, Schokolade oder einer Ruhepause in den Schlafkojen regenerieren kann. Ich hab zwei Muskelriegel und stolze neun Mini-Snickers gegessen und weg war der Schwindel. Wenn dem aber nicht so ist, das Abenteuer lieber auf einen anderen Tag verlegen. Im schlimmsten Fall kann man an der Höhenkrankheit (japanisch Kousanbyou) sterben.

IMG_0090

Fuji-Marathon: Von Joggern überholt

IMG_0068

Während man alle Kraft zusammen nimmt, um die Aschewege hoch zu stolpern, wird man andauernd von Leuten überholt, die den Berg hoch joggen als würden sie auf dem Sportplatz ihre Runden drehen. Nicht demotivieren lassen, die meisten von ihnen sind japanische Jieitai-Soldaten und trainieren für den alljährlichen Fuji-Marathon. In den vergangenen Jahren kamen die Sieger dieses Sportereignisses fast ausschließlich aus den Reihen der nicht ganz unumstrittenen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Umstritten, weil Japan laut Artikel § 9 der Nachkriegsverfassung auf das Unterhalten einer eigenen Armee verzichtet. Militärischer Schutzherr mit stationierten Soldaten in Okinawa ist die USA. Aber die geographische Nähe zu den kommunistischen Schurkenstaaten Asiens war ein klasse Argument für Japans Konservative, zumindest Selbstverteidigungsstreitkräfte (Jieitai) zu unterhalten. Der japanische Militäretat ist mittlerweile der dritthöchste der Weltwelt und Premier Abe  träumt von Kernwaffen – zur Selbstverteidigung versteht sich. Zum Glück lösen solche Aussetzer immer wieder heftige Bürgerbewegungen aus.

IMG_0094

Ein Postamt am Ende der Welt

DSCN0207

Nach dem achten Bergabschnitt wird der Untergrund allmählich fester und der Aufstieg geht steiler über gigantische Stufen bis herauf zum Gipfel. Hier kann man stellenweise noch große schneebedeckte Flächen sehen. Am Ziel muss man nur noch durch ein Shinto-Tor (Toori) an der verlassenen Gipfel-Jugendherberge vorbei und „Erklommen der Fuji-san ist“.

Von hier hat man einen erhebenden Blick von oben auf die Wolken, stellenweise sogar bis ins Tal hinab. Es gibt auch einen Schrein der Orakelzettelchen verkauft und ein Gipfelpostamt, wo man eine fujisanförmige Ansichtskarte kaufen und diese stolz an Freunde und Familie in der Heimat verschicken kann. Der Abstieg geht dann deutlich leichter von den Füßen. Spätestens auf Höhe der achten Station kann man dann neben den Serpentinenwanderwegen auch über die Furchen der Raupentransporter ins Tal steigen. Die kann man mit Siebenmeilenstiefel-Riesenschritten herunterrasen um zumindest einen Teil des Wege zum Heimatmobil abzukürzen.

IMG_0131

Vorsicht mit Fuji-Schicksalssteinen

Wer ein paar der roten Vulkansteinchen als Andenken einpacken will, der sei hiermit gewarnt: Jene Mitbringsel bringen erwiesenermaßen Unglück.

Ein Freund von mir hat auf seiner Japanreise einen Mann aus Shizuoka kennengelernt, der ihm erzählte, er habe früher bei einer Fuji-Besteigung einige Steine mitgenommen, wohlwissentlich dass dieser Frevel ein Unglück heraufbeschwört. Zurück in Deutschland kehrte sich dessen bislang erfolgreiches und glückliches Leben ins direkte Gegenteil. Seine kleine Firma ging pleite und die Situation zerstörte auch seine Beziehung. Als Motivation für den Neuanfang raffte er noch einmal alles Geld zusammen und reiste wieder nach Japan, um die „geraubten“ Steine auf den Fuji-san zurückzubringen. Als er nach verrichteter Arbeit herabstieg, wurde er krank und musste in ein Krankenhaus in der Umgebung eingeliefert werden. Dort verliebte er sich in eine Pflegerin. Die beiden heirateten, bekamen Kinder und leben heute noch zusammen in Japan.

SAM_0544

Kann nicht passiert sein? Ich finde, es gibt Geschichten, die es einfach wert sind, geglaubt zu werden. Ob die Steine nun Schicksalsbringer ist natürlich fraglich. Sicherlich soll diese Abschreckungsmär den Fuji vor systematischen Abtragung bewahren. Auch ich habe damals unwissentlich einige Steine mitgenommen und bis heute ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich meinen „Glückssteinen“ auf dem Schreibtisch einen vorwurfsvollen Blick zuwerfe, wenn Emails mit schlechten Nachrichten hineingeflattert kommen.

Dr. NakaMats rettet die Menschheit

Er ist der größte Erfinder Japans – vielleicht sogar der ganzen Welt: Dr. Nakamatsu Yoshirō, genannt „Dokuta NakaMats“. Die Medien nennen ihn den japanischen Edison – mehr Patente als der berühmte Glühbirnen-Erfinder hat er jedenfalls. Über 3.300 Ideen, die die Welt jedes Mal ein Stückchen zum Besseren veränderten. Doch noch hat der exzentrische über 80-Jährige sein selbst gestecktes Ziel nicht erreicht: die Rettung der Menschheit.

Nakamatsu ist alles andere als der in sich gekehrte, zerstreute Tüftlertyp, den man hinter dem Erfinder der Floppy Disk erwarten würde. Er ist ein hemmungsloser Selbstdarsteller, in seiner schrägen Art aber absolut charmant. Eine Mischung aus Albert Einstein, Hugh Hefner und Grandpa Munster.

Dr. Nakamatsus Erfindungen sind fast alle praktische Alltagshilfen, wie Potenzmittel, ein verbesserter Golfschläger, der das Putten leichter macht, die Karaoke-Maschine, ein Wasserstoff-Benzin-Misch Motor, Augenschmerzen vermeidendes TV-Knabberzeug oder der Meditations-Stuhl „Cerebrex“, der kreativ und schlau zugleich machen soll.

Bringt Schwung in die Bevölkerungspyramide

Aber auch gegen  akute Bedrohungen der Menschheit geht er vor. Aids ist nicht heilbar, breitet sich durch ungeschützten Sex aus – kein Problem für Dokuta Nakamats: Dafür hat er ein Kondom erfunden mit dem der Sex mindestens dreimal soviel Spaß macht wie ohne. Für die geburtsmüden Japaner wiederum gibt s ein aphrodisierendes Spray: „Wer „Lovejet“ benutzt, braucht kein Vorspiel mehr. Ich habe das erfunden, um Japan zu retten“, erlärt Nakamatsu. Auch Fans aus den USA lobten sein Produkt per Post: „Lovejet ist die beste Erfindung seit Apple-Pie.“

Nakamatsu Mansion, Nakamatsu Straße, Ecke Nakamatsu Platz

Der Erfinder ist aber auch der geistige Vater bahnbrechender Dinge, wie der Floppy-Diskette, der Digitaluhr und dem Synthesizer. Für letzteren hat sich Stevie Wonder einmal persönlich bei ihm bedankt, erzählt er immer wieder voller Stolz. Seine Erfindungen vermarktet er über die Dr. NakaMats Hi-Tech Innovation Corp.  Innovationszentrale ist das Nakamatsu Mansion in Tokio. Dort forscht sein inzwischen 120 Mann starkes Forschungsteam nach Lösungen für die Alltagssorgen der Menschen. Beim Bau des Hauses wurden übrigens mehr als 300 Nakamatsu-Erfindungen umgesetzt. Dazu gehört eine komplett schwarze Außenwand, die kosmische Strahlung auffängt und in Elektrizität umwandelt.

Erfinder aus Liebe

In mehreren US-amerikanischen Städten gibt es einen Dr. Nakamats-Tag, in Japan ganze Straßenzüge mit seinem Namen. Neben seinen Erfindungen hat Nakamats über 30 Bestseller geschrieben. Sein Vermögen wird heute auf 75 Millionen US Dollar geschätzt. Im Geldbeutel hat er aber nix – alles wird in neue Erfindungen investiert. „Meine Motivation war nie Geld sondern Liebe“, stellt er immer wieder klar. Schon eine seiner ersten Erfindungen war eine Umfüllpunpe für Sojasoße, die er für seine Mutter bastelte. Als 5-Jähriger erfand Nakamatsu einen Stabilisator für sein Modellflugzeug.

Heute hält er Vorlesungen an Technischen Universitäten. Für Nacheiferer unter seinen Studenten hat er einen Tipp:

„Beobachten und jedes Detail eurer Umgebung absorbieren – wie eine Kamera. Und studieren, fleißig studieren. Ideen und Erfindungen sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Ideen hat man auch ohne Forschungen und forschen kann man auch ohne Ideen. Um Erfindungen zu machen brauchst du aber beides.“  

Dr. Nakamatsu Yoshirō

Nachdenken  im Grenzbereich

Für gute Ideen ist Nakamatsu bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Der Ingenieur ißt nur eine Mahlzeit am Tag – diese darf niemals mehr als 700 Kilokalorien haben. Seit 30 Jahren dokumentiert er diese Tagesration, um herauszufinden, durch welches Essen ihm die besten Ideen gekommen sind.

Außerdem schläft Dr. Nakamatsu höchstens vier Stunden, um mehr Zeit für die Arbeit zu haben. Zum Grübeln zieht er sich auf sein komplett vergoldetes WC zurück. Hier ist der Konstrukteur von allen äußeren Einflüssen abgeschirmt – inklusive Schall und kosmischer Strahlung. Für die wirklich guten Ideen taucht er in seinem Kellerpool und wartet, bis ihn der Blitz der Genialität trifft. Das passiert genau 0,5 Sekunden vor dem Exitus, meint Nakamatsu. Da „Ideen genauso schnell verschwinden, wie sie erscheinen“, schreibt er diese noch im Wasser auf seinem wasserdichten Notizbuch – natürlich eine eigene Erfindung – auf. So habe er auch die Floppy Disk und das digitale Display erfunden.

Die Rettung der Menschheit geht weiter

  Seine Beliebtheit in den Medien hat Dokuta Nakamatsu bereits mehrfach dazu hingerissen, um einen Gouverneursposten in seinem Tokioter Bezirk zu kandidieren. Trotz vieler Stimmen hat das bislang aber nicht geklappt. Vielleicht – oder eher ganz sicher – lag das an diesem Wahlsong. Trotz der Strapazen ist der fast 90-jährige top fit.

„Ich bin sehr aktiv, agressiv und stark“, betont er gerne. Keine Spur von Alterserscheinungen – an Ruhestand ist nicht zu denken. Dokuta Nakamats ist davon überzeugt, gerade erst in seinen mittleren Jahren zu sein. Sein personlich erechnetes Todesalter beträgt 144 Jahre. Bis dahin hat er angekündigt mindestens 7.000 Erfindungen zum Wohle der Menschheit auf den Markt gebracht zu haben.  

Noch mehr Nakamats