Kein Volk der Welt hat die Gefahren der Atomspaltung so drastisch am eigenen Leib erfahren wie die Japaner. Nach den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki setzte das Land trotzdem vor allem auf Kernenergie, um damit den Motor des Wirtschaftsbooms anzuwerfen. Seit 1978 gab es elf bekannte Unfälle in den Kraftwerken. Erst mit dem Super-Gau von Fukushima fordert endlich eine breite Masse der Bevölkerung die japanische Energiewende. Aber sie wird nicht kommen.

Der Pazifische Krieg: Japan auf Selbstmordkurs

Japans Atomgeschichte begann im August 1945. Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki wurde der ganzen Welt verkündet, dass eine neue Waffe zum Einsatz gekommen sei, um den Krieg endlich zu beenden.

US-Präsident Truman betonte stets, dass dies mindestens 500.000 Amerikanern das Leben gerettet habe. Die Opfer spielten in der internationalen Presse keine Rolle, nur die Sprengkraft der Superbombe. Nach der Kapitulation Japans und der Besatzung zensierten die Amerikaner dann systematisch alle schmutzigen Fakten ihres „Feldzugs gegen das Böse“.

„Fotografisches Material aus Hiroshima und Nagasaki konnte bis zum Ende der Besetzungszeit, 1952, nirgends gezeigt werden. General Mac Arthur regierte mit diktatorischer Gewalt, überzeugt von seiner Mission, die Japaner durch Umerziehung zu einem der USA wohlgesinnten Volk zu machen. Alles was dem Ziel entgegenstand wurde unterdrückt. Und dazu gehörten insbesondere Informationen über die atomare Zerstörung in den letzten Kriegstagen.“  (Florian Coulmas in „Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte“)

Das Manhattan-Projekt und seine Versuchskaninchen

Dabei war Japan bereits vor den Abwürfen der Atombomben faktisch besiegt. Das Rohstoffembargo der USA hatte die Kriegsmaschinerie Schritt für Schritt trockengelegt. Nach der Einnahme Okinawas war die japanische Luftwaffe endgültig ausgeschaltet. Danach begannen die USA und England mit dem Bombardement der Hauptinsel. Im August 1945 waren zwei Drittel der japanischen Großstädte zu 60 Prozent zerstört. Trotzdem wollte Japans fanatische Militärführung die Potsdamer Erklärung und damit die bedingungslosen Kapitulation nicht unterzeichnen. Den USA und Großbritannien lief die Zeit davon, denn am 8. August wollten die Russen in den Krieg mit einsteigen – und die wollte niemand als Siegermacht am Verhandlungstisch haben. US-Präsident Truman plädierte daher den Einsatz von Kernwaffen.

Seit 1942 hatten US-Wissenschaftler am Manhattan-Projekt gearbeitet und lieferten sich einen Wettlauf mit Nazi-Deutschland, das ebenfalls an einer neuartigen Superbombe forschte. Doch als die USA die Zielgerade ihrer Forschung erreichten, war der Krieg in Europa bereits vorbei. Zwei Milliarden Dollar an Steuergeldern (nach heutigen Maßstäben etwa 26 Milliarden Dollar) waren für das Rüstungsprojekt ausgegeben worden. Deshalb sollte die Bombe jetzt in Japan zum Einsatz kommen. Gleichzeitig konnte dadurch dem Rivalen Russland die neue Überlegenheit demonstriert und Japan der Angriff auf Pearl Harbor heimgezahlt werden.

Am 6. August starben in Hiroshima deshalb zwischen 90.000 und 180.000 Menschen – größtenteils Zivilisten, davon allein zehn Prozent Zwangsarbeiter aus Korea. Drei Tage später erwischte es Nagasaki, wo zwischen 50.000 und 100.000 Menschen getötet wurden. Auf den einen grellen Lichtblitz folgte die Druckwelle, in der die Menschen buchstäbliche schmolzen und die Gebäude weggefegt wurden. Wer überlebte, erlag seinen Verbrennungen oder den Strahlenkrankheiten, die damals natürlich weder bekannt noch behandelbar waren.

Niemand spricht über die Hibakusha

Die Atombombenopfer und ihre Nachkommen, die sogenannten Hibakusha, blieben lange Zeit alleine mit ihren Erlebnissen und Leiden. In der Masse der Gräueltaten des 2. Weltkrieges ging „der nukleare Holocaust“ von Hiroshima und Nagasaki unter. Und nach der jahrelangen US-amerikanischen Nachrichtensperre tat auch die japanische Regierung kaum etwas, um nachträglich für Aufklärung zu sorgen. Ganze zwölf Jahre vergingen, bis erste Versorgungsregelungen für die Hibakusha durchgesetzt wurden. 1968 erhielten die Menschen, denen der Krieg alles genommen hatte, erstmals unentgeltliche ärztliche Betreuung.

Viel schlimmer ist allerdings, dass Hibakusha vom Rest der Bevölkerung sozial diskriminiert wurden. Viele Japaner vermieden Kontakt und Austausch mit den wandelnden Mahnmalen ihrer gemeinsamen faschistischen Vergangenheit. Auch ging das Gerücht um, die Strahlenkrankheiten seien ansteckend. Erst mit der Zeit sorgten Bücher, Erlebnisberichte und Filme, die die Atombombenopfer in den Mittelpunkt stellten, für eine Verbesserung der Situation der Hibakusha.

Japanische Versuchskaninchen und ihr später Protest

Am Beispiel der Hibakusha sieht man, dass die Japaner das Trauma der Atombombenabwürfe lange Zeit überhaupt nicht aufarbeiteten. In den 50er Jahren führte das US-Militär vom besetzten Japan aus eine Serie von Atombombentests in der Südsee durch. Eines Tages geriet der Tunfisch-Trawler „Lucky Dragon V“ in der Nähe des Bikini-Atolls in die Testzone. Die Besatzung wurde verstrahlt und ihr Funker erlag nach der Heimkehr seinen Vergiftungen. Auf dem Sterbebett äußerte der Kapitän später den Wunsch, er wolle der letzte Japaner sein, der an den Folgen von radioaktiver Strahlung sterben müsse.

Dieser Vorfall sorgte für einen Aufschrei der japanischen Bevölkerung und führte zur längst fälligen Debatte die nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki durch die US-Besatzer systematisch unterdrückt worden war. Die Japaner äußerten erstmals offen die Befürchtung, als Versuchskaninchen missbraucht zu werden und forderten ein Ende der Tests. Die  Auseinandersetzung mit dem Thema fand in den Godzilla-Filmen ihr wohl populärstes Ventil. Darin zerstörte eine durch Atomversuche erweckte Riesenechse Japans Großstädte und zahlte ihnen so die umweltzerstörerische Ignoranz heim.
Trotz Bürgerbewegungen gegen die Strahlungsgefahren gelang es der Regierung in den Folgejahren, den Großteil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Japans von Energieimporten abhängige Wirtschaft ohne Atomstrom nicht den erwünschten Aufschwung erleben werde. Seit 1966 gingen dann nach und nach 54 Atomreaktoren ans Netz. Aber selbst für ein so hochtechnisiertes Land wie Japan war es nicht möglich, die Risiken der Kernenergie vollständig auszuräumen.

 

Mit Atomstrom zum Wirtschaftswunder

Die geschickte Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Regierung ist einer der Hauptgründe dafür, warum die Japaner den Nutzen der Atomenergie von den Folgen der Atombomben entkoppelt bewerteten. Japan wollte nach dem Wiederaufbau um jeden Preis wieder schnell zum Industrieland werden. Da das Inselland jedoch kaum über eigene Rohstoffe verfügt, wurde die Atomenergie als alternativlose Energiequelle verkauft.

1966 ging das erste Kernkraftwerk ans Netz. Parallel zu den Kooperationen mit US-amerikanischen und britischen Unternehmen in dem Bereich baute Japan eine eigenständige Atomindustrie auf. AKWs wurden fern der Ballungsräume errichtet. Das brachte den Kommunen Infrastruktur, Arbeitsplätze, Steuergelder und Subventionen. Vom Staat großzügig gefördert stiegen Japans Megakonzerne wie Toshiba, Hitachi und Mitsubishi mit in das Geschäft ein. Zudem bildete sich ein Zulieferernetzwerk quer durch die japanische Unternehmenslandschaft. Diese Lobby bestimmt bis heute die Richtungs japanischer Energiepolitik.

Für Politik und Wirtschaft kamen die beiden Ölkrisen (1973 und 1979) und die Debatte um die Klima-Erwärmung gerade recht, um Japans Atomkurs konsequent voranzupeitschen. Auch wurde stets betont, die Atomenergie sei vergleichbar günstig – dabei sind in der Kalkulation weder das hanebüchene Subventionsvolumen (alleine vier Milliarden Euro jährlich an Forschungszuschüssen) noch die Müllentsorgung oder Unfall-Folgeschäden beachtet. Politiker reagierten auf „kleinere“ Unfälle oder Warnungen von Wissenschaftlern lediglich mit der Ankündigung, die Sicherheitskontrollen in den Kraftwerken zu erhöhen. Diese Politik stellte auch in der Bevölkerung kaum jemand infrage.

Fukushima und die Neue Anti-Atombewegung

2011 wurden 30 Prozent des japanischen Energiemixes durch Kernreaktoren produziert. Diesen Anteil wollte Japan bis 2030 auf 49 Prozent erhöhen. Obwohl das Land weltweit Technik für Neue Energien exportiert – das Know How also vorhanden ist – sollten jene Energiequellen weiter nur unbedeutenden zwei Prozent ausmachen.

Die Katastrophe von Fukushima hat diese Zielvorstellung durcheinandergebracht – die Forderung nach dem Atomausstieg und einer Energewende wurde immer lauter. Wichtigster Akteur wurde hierbei die Bevölkerung, die sich von Energiebranche und Regierung hinters Licht geführt fühlte. Zu dieser Zeit sprachen sich drei Viertel der Japaner für einen Atomausstieg aus.

Als Premierminister Naoto Kan im August 2011 Jahres zurücktrat, verlor die Energiewende ihren einflussreichsten Fürsprecher. Der im folgende Regierungschef Noda Yoshihiko teilte die in der Politik weit verbreitete Meinung, dass ein rascher Atomausstieg in Japan unmöglich sei. Er argumenierte mit der Versorgungssicherheit für die Industrie und der Bezahlbarkeit von Energie (Klingt bekannt, oder?). Das paradoxe an der Argumentation ist jedoch, dass der Versorgungsengpass, der nach dem Ausschalten aller Kernreaktoren im Land befürchtet wurde, durch reaktivierte Thermalkraftwerke kaum spürbar gewesen ist.

Mit Nodas Ankündigung, die ersten stillgelegten Reaktoren wieder ans Netz zu bringen, erreichten die Proteste der Anti-Atombewegung ein nie da gewesenes Ausmaß. Zur ersten Freitags-Demo am 29. März 2012 kamen nur 300 Aktivisten – Ende Juli umstellten bereits 200.000 Protestler das Parlamentsgebäude in Tokio. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters sprachen sich außerdem fast drei Viertel der japanischen Firmen für einen Atomausstieg, solange es genügend alternative Stromquellen gibt. Auch die Aktionäre setzten die Atomindustrie unter Druck. Bei Hauptversammlungen mehrerer Versorgungsvetriebe drohten sie mit Rückzug und forderten von Energieriesen wie Tepco, sich künftig auf andere Energiequellen zu konzentrieren. Der reichste Mann Japans, Masayoshi Son, plant zudem den Bau von zehn Solarparks, um die Energiewende im eigenen Land voranzutreiben

Japan, das Land, das alle Worst Case-Szenarien der Kernspaltungsgefahr durchgemacht hat, schien endlich mit dem Atomstrom zu brechen. Bei den Parlamentswahlen 2013 trat sogar erstmals eine Grüne Partei an. Doch leider kam mit Shinzo Abe ein weiterer konservativer Hardliner in Japan an die Macht. Im Dezember veröffentlichte sein Industrieminister Toshimitsu Motegi den langfristigen Energieplan des Landes, nach dem Japan vorerst an der Kernenergie festhalten wird.

Damit sind die Hoffnungen auf eine schnelle Energiewende erst einmal auf Eis gelegt – und die japanische Geschichte der Nuklearkatastrophen wird noch einige Kapitel umfassen: Bis heute ist die Gegend um Fukushima Sperrgebiet. Tepco hat die Pannenmeiler immer noch nicht in den Griff bekommen und vergiftet täglich das Meer mit kontaminiertem Wasser. Die radioaktive Strahlung hat erste Mutationen der Fauna und Krebserkrankungen der Bevölkerung Fukushimas zu verantworten.

Mehr zum Thema

  • Tolle Bücher zum Hintergrund der Atombombenabwürfe sind Florian Coulmas „Hiroshima“ und der autobiographische Manga eines Jungen, der die Atombombe überlebte „Barfuss durch Hiroshima“. Gibt es auch als Fernsehserie und Trickfilm.
  • Toll recherchiertes Buch zum Reaktorunfall und seinen Folgen: „Fukushima: Vom Erdbeben zur Atomaren Katastrophe“ von Florian Coulmas und Judith Stalpers.
  • Hier ein Video, das in 11 Minuten das Ausmaß der Katastrophe zusammenfassst.
  • Masuji Ibuses „Schwarzer Regen“ ist Hibakusha-Literatur, die internationale Erfolge feierte. Auch Kurosawa Akiras Film „Rapsody im August“ behandelt das Thema. Eine weitere schön-traurig-wahre Geschichte ist die des Mädchens Sadako aus Hiroshima, die als Folge der Verstrahlung an Krebs erkrankte. Im Krankenhausbett versuchte sie tausend Origami-Kraniche als Glücksbringer für ein langes Leben zu falten. Die Papierkraniche sind seither Symbol der weltweiten Anti-Kernwaffen-Bewegung.